B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 179 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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179 sehr wohl wußte, daß die Vergangenheit bestimmendes Material für das Schöpfertum der Gegenwart sei, machte er den analogen Gedankenschritt in der Erfassung der Beziehung von Vitalität und Geist nicht. Mir persönlich scheint auch hier das Natuihafte,. Ererbte, die physiologisch bedingte Seele bestimmendes Material für das Schöpfertum des Geistes zu sein. Vielleicht war Bruder vSpiegel selbst der beste Beweis dafür. Seine streng auf das Geistige gerichtete Veranlagung beeinflußte sein Denken derart, daß auch in seinem Weltanschauungssystem dem Naturhaften nur ein unbedeutender Platz eingeräumt wurde. Diese Stellung Bruder Spiegels zur vitalen Komponente der menschlichen Entwicklung ist für mich auch die Beantwortung der Frage: warum Bruder Spiegel den Gedanken der jüdischen Renaissance liicht ganz zu seinem eigenen gemacht hat; warum er, bei seiner Iyiebe zum Judentum, zum jüdischen Schrifttum, zur hebräischen Sprache, bei seinem Interesse für den Aufbau Palästinas und vor allem bei der oben geschilderten Auffassung unserer Pflichten zu Vergangenheit und Zukunft, der Geschichte und dem Werden, also bei einer Weltanschauung, die ich bei einer anderen Gelegenheit geradezu einemal die zionistische genannt habe, nicht den Weg zum Zionismus gefunden hat. * * * Es wäre ein höchst unvollkommenes und unplastisches Bild unseres teuren Toten, wenn ich nicht gleich an diesen Abriß über sein Denken eine kurze Würdigung seines Wirkens anschlöße. Denn weit bedeutsamer, denn als Denker, war er als geistiger Führer. Er war im schönsten Sinn Lehrer, Verkünder, Erzieher. Er besaß alle Voraussetzungen, die zu einem geistigen Führer prädestinieren: Ernst der Überzeugung, Feuer der Überredung, Schärfe der Argumentation, Schagfertigkeit und Witz, Gewissenhaftigkeit und Menschenliebe. Er verstand es wie kaum einer, Menschen um sich zu sammeln und zu beeinflussen. Einer unserer Brüder hat den scherzhaften Ausspruch von seiner ,,stammtischbildenden Kraft" geprägt. Es liegt ein ernster Kern darin. In großen und kleinen Zirkeln war er geistiger Mittelpunkt; und er war es auch bei uns in der Loge. Daß Dr. Spiegel den Weg in die Loge Bohemia gefunden hat, und daß die Bohemia Bruder Spiegel gefunden hat, möchte ich als den größten Glücksfall für Bruder Spiegel, wie für die Bohemia bezeichnen. Bruder Spiegel und der Orden B'nai B'rith waren wie für einander bestimmt. Der Orden konnte keinen besseren Arbeiter, Bruder Spiegel kein besseres Arbeitsgebiet finden. Hier war ein Milieu, eine Gemeinschaft gegeben, in der Bruder Spiegel, wie nirgend anders, die Ideen seines Judentums und seiner sittlichen Weltanschauung verkünden konnte. Ich weiß nicht, ob wir es uns alle schon ganz klar gemacht haben, was Bruder Spiegel für uns als B'nai B'rith bedeutet hat. Ich will es hier sagen. Er war stets bemüht, die Verbindung unserer Gemeinschaft mit ihrer sittlichen — metaphysischen Grundlage aufrecht zu erhalten, zu erfassen, zu vertiefen und zu erneuern. In diesem Sinne wirkte er hier und für diese seine Tat müssen wir und der Orden ihm