B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 178 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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178 Eine solche jüdische Religion, dieses Judentum nannte er liberales Judentum — wobei dieses Wort keineswegs politisch, sondern religiös gemeint ist. Das liberale Judentum nimmt sich das Recht zur Unterscheidung zwischen dem wesentlichen Gehalt und den geschichtlich bedingten Ausdrucksformen der Religion. Es will nicht, daß die jüdische Religion für alle Zeiten in den Glauben an die übernatürliche Offenbarung der schriftlichen und des mündlichen Gesetzes verstrickt und in alle Ewigkeit an den Buchstaben und das Wort eines Buches, und sei es auch das unvergleichlichlichste aller Bücher, gebunden bleibe, sondern es will, daß das Judentum durch kraftvolle Befreiung von diesem Dogma und gleichwohl gestützt auf jenes einzigartige Buch die einstmals besessene Freiheit wiedereilange. Sie erkennen in dieser Formulierung, die aus dem Aufsatze Bruder Spiegels „Das liberale Judentum" stammt, wieder jenes freie und doch gebundene Verhältnis zur Vergangenheit wieder, das wir als charakteristisch festgestellt haben. Auf das Klarste wird aber dieses Prinzip in den Worten ausgedrückt, welche Dr. Spiegel am Schlüsse dieses Aufsatzes spricht: ,,Alles Bestreben des liberalen Judentums ist letzten Endes darauf gerichtet, die Gegenwart mit der Vergangenheit, das Leben mit der Überlieferung, die Freiheit mit der Treue zu verbinden und so das uns von unseren Vätern ererbte Judentum im mer wieder aufs Neue zu erwerben, damit es ein lebender Besitz für jedes Geschlecht werde." Was nun im Judentum für Bruder Spiegel das wesentlichste war, das brauche ich nicht näher auszuführen; er hat es oft genug in unserem Kreise dargestellt, in Reden und Aufsätzen ausgeführt. Es ist das Judentum Hermann Cohens, dessen Grundpfeiler sind: Der einigeinzige Gott, als Bürge für das sittliche Ziel aller Entwicklung, Optimismus, Messianismus, und vor allem die Sittlichkeit, wie sie unsere Propheten lehrten, von denen unser Bruder Spiegel wieder in Anlehnung an Hermann Cohen den Propheten Arnos besonders liebte. So war für Bruder Spiegel das Judentum in erster Reihe eine Weltanschauung; es war eine rein geistige Angelegenheit, und hier mag mir vielleicht auch gestattet sein zu sagen, worin ich ihm nicht folgen kann: Bruder Spiegel glaubte an ein Judentum, das als geistiges System unabhängig von allen körperlichen Voraussetzungen, von allen Voraussetzungen der Psyche und der Physis der einzelnen Träger des Judentums, sein gesichertes Dasein führen könne. Diese Ansicht scheint mir dem Wesen unseres Toten auch zu entsprechen. Denn von den beiden großen Mächten des höheren Lebens, der geistigen und der vitalen, der Vernunft und der Lebenskraft, der Ratio und dem elan vital, gab er zweifellos der Ratio den Vorzug. Ihm gilt das ganze Gebiet des Natürlichen und Vitalen wenig; er glaubte nicht an den Einfluß des Seelisch-Naturhaften auf den Geist. Und darum glaubte er, daß es schließlich auch ein Judentum ohne Juden geben könne. Und während er im Kampfe zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Überlieferung und Freiheit