B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 177 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Das scheint mir also die Lösung, die nicht bloß etwa mechanisch in der Mitte liegt, sondern die wahrhaft schöpferisch, dem Sinne des Werdens, der Geschichte und der Rolle des Menschen am besten gerecht wird. Sie ist nicht leichtsinnig und plebejisch wie die Weltanschauung desjenigen, der ungebunden von der Vergangenheit eine Zukunft bauen will, sie ist nicht verkalkt, erstarrt und kraftlos wie die Anschauung desjenigen, der so sehr Sklave seiner Vergangenheit ist, daß er überhaupt nicht vorwärts zu schreiten vermag. So ist die wahre Lösung des Vornehmen, des sittlich Edlen. Es war die Weltanschauung Emil Spiegels. Daraus erklärt sich nun sein Verhältnis zu seinen Eltern und seiner Familie; dieses ernste Gefühl der Ehrfurcht, mit dem er stets seiner Eltern gedachte, der Wärme und innigen Liebe, mit der er an seiner Familie hing. Daraus erklärt sich aber auch sein Verhältnis zum Judentum, zur jüdischen Vergangenheit, zur jüdischen Wissenschaft und Kultur, zur hebräischen Sprache und zur jüdischen Religion. Wer aus der Vergangenheit Zukunft schaffen will, der muß die Vergangenheit kennen; Spiegel war ein guter Kenner alles Jüdischen, ein Kenner jüdischer Geschichte, Wissenschaft und Literatur. Er war ein begeisterter Verkünder der Wissenschaft vom Judentum. Wer aus einem Material etwas neues schaffen will, der muß es auch lieben; und Spiegel liebte das Judentum; er liebte es so, daß er immer versicherte, daß er der Religion und Weltanschauung des Judentums den entschiedenen Vorzug geben würde, auch wenn er kein Jude wäre. Von seiner Liebe zum Judentum zeugt im Besonderen eine seiner letzten größeren Arbeiten, sein Vortrag: „Die Freude am Judentum", der Ihnen allen wohl noch in Erinnerung ist. Genau dem Grundsatze, den ich hier ausgeführt habe, entspricht auch sein Verhältnis zur jüdischen Religion, seine Religiosität. Er übernahm die gegebene jüdische Religion, aber er beseelte sie in seiner Weise; sie war ihm kein starres System von Dogmen und Riten, sondern ein herrliches Gebäude von tiefen religiösen Grundsätzen, die er für sich neu belebte, die in seinem Denken einen neuen Sinn bekamen. So wie er in einem Gedichte am ,,Sederabend" zum Anfang spricht: Hör', mein Kind, die alten Sagen, Hör', was aus vergangenen Tagen, Heut' zu uns herüber klingt: Was sie Ewiges verkünden, Gilt es, ewig neu zu finden, Daß die Weihe uns gelingt! Neu beseelen wollte er die jüdische Religion; nicht rückwärts zum Glauben, sondern vorwärts zum Glauben, war seine Losung, wie er in einem Vierzeiler sagt: Zurück zum Glauben? Nein und aber nein! Das Rad der Zeit läßt sich nicht rückwärts treiben; Wir wollen nicht zurück, nicht stehen bleiben, Vorwärts zum Glauben, soll die Losung sein!