B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 176 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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176 Die Vergangenheit hält uns fest. Es ist vergeblich, von ihr loskommen zu wollen. Aber auch die Zukunft zieht uns an, die Zukunft ist unsere Aufgabe. Nach rückwärts binden uns tausend Fäden, aber nach vorwärts geht unser Weg und vorne ist unser Ziel. Oder wie es in dem Gedichte Doppelgeheimnis" heißt: Tausend Wunderfäden leiten Durch das weite Meer der Zeiten Rückwärts zu der einen Macht; Kann sie keiner je bestimmen: Ihres Glanzes Abglanz, glirrmen Tausend Feuer durch die Nacht. Doch des Lebens Boote gleiten Vorwärts durch das Meer der Zeiten Nach verheißungsvollem Strand; Kann ihn keines je erreichen: Ihn verkünden tausend Zeichen Und wir steuern unverwandt. Der Mensch steht also in der Mitte zwischen Vergangenheit und Zukunft, mit beiden Richtungen verkettet; er bildet den Übergang, dh lebende Gegenwart, die aus der Vergangenheit die Zukunft schafft; oder noch genauer: er selbst ist es, der aus der Vergangenheit die Zukunft schafft. Und damit ist eigentlich schon seine Aufgabe umschrieben, damit ist die Lösung der Frage gegeben. Der Mensch schafft die Zukunft, aber das Material, woraus er die Zukunft schafft, ist die Vergangenheit. Er ist frei, denn die Vergangenheit ist nicht sein Herr, sondern sein Diener, sie ist ihm Material; aber er ist auch gebunden, denn nur die Vergangenheit ist sein richtiges Material. Er steht nicht allein da, er ist ein Glied einer Kette, ein Diener selbst dieser großen Kette, in die er sich selbstschöpferisch, aber nicht unorganisch einfügen soll. So ist er frei und doch gebunden, so genießt er Freiheit und ist doch zur Treue verpflichtet. Diese Lösung des Problems, die ich für die richtige halte, finde ich auch in der Weltanschauung Spiegels klar enthalten. In einem Gedichte ,,Die Symbole" heißt es: Frei und flüssig die Symbole Wie der Strom des Glaubens frei, Daß sich jeder freudig hole, Was für ihn erfrischend sei! Doch zur Freiheit auch die Treue, Hangend an der Väter Geist, Der auch jedes Scheinbar-Neue Aus den alten Quellen speist! So, in Freiheit doch gebunden, Sei dem Einzelnen nicht bang: Was er froh sich selbst gefunden, Mündet da, wo es entsprang.