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B'nai B'rith · 1923-10-01 · 8 (10.1923) · p. Seite 175

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
8 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 175 (sequence 13)
Language
German
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175 Der weltanschauliche Optimismus, die positive Beantwortung der Vertrauensfrage an das Universum hatten Bruder Spiegel zu einem metaphysisch und ethisch tragfähigen, aber auch zu einem religiös tief gefühlten und persönlich erlebten Gott gefühlt. Sein Verhältnis zum unendlichen Sein bildete seine Religion und seine Weltanschauung. * * * Sein Verhältnis zum Werden, dem wir uns jetzt zuwenden wollen, bestimmte seine politische Stellung, sein Verhältnis zu den Menschen und zur Familie, sein Veihältnis zum Judentum. Das Verhältnis zum Sein gestaltet die innere individuelle Zone des Menschen, das Verhältnis zum Werden, zum Geschehen, zur Geschichte gestaltet seine sittlichpolitische, seine Stellung in der Gemeinschaft. Diese zweite Frage ist das Problem: wie soll der Mensch zur Vergangenheit stehen? Ist er nichts als eine Frucht der Vergangenheit, der bisherigen Geschichte, oder ist der einzelne Mensch etwas ganz Neues, das unbeiirt von Vergangenheit und Tradition vollkommen frei, ganz von Frischem, ganz von Neuem leben und wirken kann? Ist die Tradition wichtiger oder dei Fortschritt? Ist die Erhaltung des Gewesenen wichtiger oder die freie neue Schöpfung? Ist die Treue zum Überkommenen wichtiger oder die Freiheit zu neuen Wegen? Ist die Kontinuität,der Zusammenhang mit dei Vergangenheit, Volk, Ahnen, Familie wichtiger oder das Individuum mit seinen eigensten Fähigkeiten und Möglichk?iten? Das ist die Frage, welche die politische Stellung des Einzelnen beantwortet; darum bedingt auch diese Alternative die politisch reifste und vielsagendste Unterscheidung der Parteien, die Scheidung in Konservative und Liberale, in Reaktionäre und Fortschrittliche. Auch diese Frage hatte für Bruder Spiegels Weltanschauung eine ungeheure Bedeutung; und ich glaube sagen zu können, daß er auf diese Frage die beste, die richtigste Antwort gegeben hat. Hören Sie jenes Gedicht an, welches nach seiner eigenen Anordnung den Schlußstein seiner Gedichtsammlung bildet und welches den bedeutsamen Titel „Geschichte" führt. Verfolge nur die eig'ne Richtung Im Gegensatz zur ganzen Welt, Du kannst heraus nicht aus der Schichtung, In die Geschichte Dich gestellt. Die Toten lassen sich nicht morden, Sie stehen größer wieder auf, Und alles, was vor Dir geworden, Es hemmt, es fördert Deinen Lauf. Vergebens hoffst Du Dich zu lösen Von all der überkommnen Last, Eh' Du im Guten oder Bösen Mit ihr nicht abgerechnet hast.

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