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B'nai B'rith · 1923-10-01 · 8 (10.1923) · p. Seite 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
8 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 174 (sequence 12)
Language
German
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174 nicht der naive Gott des Fünfbuchs, es ist ein philosophisch erkämpfter und philosophisch konzipierter Gottesbegriff. Oder lassen wir wieder ein Gedicht Spiegels sprechen, das sich „Gott" betitelt: Nicht, daß ich Glück von dir erflehe, Daß du nur bist, ist mir genug, Du bist der Tag, nach dem ich spähe, Erwachend aus der Sinne Trug. Wenn in dem Spiel von IyUst und Wehe Das Meer des Zufalls steigt und fällt, Du bist der Fels, auf dem ich stehe In allem Sturme, dieser Welt. Nicht, was und wie mit mir geschehe, Nein, was ich soll, das frag' ich bloß; Du bist die Bürgschaft, daß ich gehe Nach einem Ziel, das rein und groß. Du bist die Ferne, bist die Nähe, Du bist das Dort, Du bist das Hier; Das Ganze, das ich nicht verstehe, Ich grüß' es, unerkannt, in Dir. Ich sagte, der Gottesbegriff Spiegels ist ein philosophischer Begriff; aber es wäre falsch zu meinen, daß er deshalb nicht lebendig wäre, nicht intimes, tief gefühltes Erlebnis des Gläubigen sein könnte. Schon das Gedicht, das ich eben vorgelesen habe, zeugt davon, — noch mehr ein Gedicht ,,Gottes Stimme", das ich jetzt zitieren will und welches in seinem naiven Gottesgefühl an die Mystiker, freilich, wie mir scheint, nicht an die jüdischen, sondern eher an die deutschen, insbesondere an Angelus Silesius, erinnert: Ich stell' mir Gott nicht vor, Ich stell' mich ihm nicht nah, Ich leih' ihm nur mein Ohr Und weiß es: Er ist da. Nur seine Stimme, nicht Was anderes halt' ich fest, Das Zeugnis, dess' Gewicht Sich Nichts vergleichen läßt Er ist nicht klein, nicht groß, Ich hab von ihm kein Bild, Die Stimme hör' ich bloß, Die Stimme, leis und mild So leis' und doch bestimmt, Daß, wer sie je vernahm, Sie immerdar vernimmt, So mild und wundersam.

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