B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 173 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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173 Vertrauen ist nichts anderes als Optimismus. Der Glaube an das Gute, an den Weg zum Guten, den das ganze Universum geht, das ist weltanschaulicher Optimismus. Wer gibt uns ein Recht zum Optimismus? Haben wir Anlaß, in dieser Welt der Bosheit und der Verwirrung, in dieser Welt des Unzulänglichen und, ach, so Endlichen Vertrauen zum Ganzen zu haben? Woher nehmen wir den Grund zum Vertrauen? Wir haben in Wahrheit keinen Grund, keine Ursache zum Vertrauen, aber es ist unsere größte Tat, ohne Grund zu vertrauen. Der grundlose Optimismus ist eine der tiefsten religiösen Leistungen, es war die Grundlage der Religion unseres Bruders Spiegel. Es gibt ein Buch, das den Titel führt:,, Der grundlose Optimismus"; sein Verfasser ist ein Jude, ein blinder Dichter: Hieronymus Ivorm, mit bürgerlichem Namen: Heinrich Eandesmann. Dieses Buch war eines der Iyieblingsbücher Spiegels, das auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht hatte und für seine Weltanschauung bestimmend geworden war. Mich persönlich hat gerade diese Tatsache, die ich erst in jüngster Zeit erfahren habe, sehr bewegt; auch auf mich hat seinerzeit dieses Buch, der Gedanke des grundlosen Optimismus, einen großen Eindruck gemacht und ist zu einer Grundlage meines eigenen Denkens geworden. Bruder Spiegel war also von grundlosem Optimismus ausgegangen und er ist auf diesem Wege zu Gott und zum jüdisch-religiös gestalteten Optimismus gekommen; oder persönlich ausgedrückt: er hat mit Hieronymus Lorm begonnen, und bei Hermann Cohen geendet. Der Urgedanke des grundlosen Optimismus erweiterte und vertiefte sich zum jüdisch-religiösen Optimismus, wie ihn Hermann Cohen lehrte, der, seit Spiegel ihn kennen gelernt hatte, zum beinahe absoluten Herrscher seiner Gedankenwelt geworden wai. Auch in Hermann Cohens Lehre war der Optimismus der Mittelpunkt, es war der Optimismus, der als der Grundzug der jüdischen Religion von Cohen erkannt worden ist. Gott war ihm nichts anderes als eine gedankliche Projektion des Optimismus und zwar speziell im Hinblick auf die Sittlichkeit. Aus dem verwirrenden Widerspruch zwischen dem erlebten Chaos und dem gedachten Sinn der Welt, zwischen der idealen Sittlichkeit und der realen Erfahrung der Unsittlichkeit flüchtet sich der trotzdem Vertrauende, der trotzdem Optimistische zum Begriff Gott, der alle diese Widersprüche ausgleicht und der der Garant dafür wird, daß die Sittlichkeit in dieser Welt der endliche Sieger bleiben wird. Das ist der Sinn des messianischen Glaubens, wie ihn die Propheten Israels gelehrt haben. In diesen wenigen, aber umso grundlegenderen Begriffen: in der Sittlichkeit als dem höchsten Sinn der Religion, in Gott, als dem Bürgen für den Erfolg der Sittlichkeit, in Optimismus und Messianismus sind die Grundgedanken Cohens enthalten, die dieser als die Grundgedanken der jüdischen Religion ansah und welche auch die Grundgedanken in der religiösen Überzeugung unseres Spiegel geworden sind. Gott ist ihm also der Bürge für den sittlichen Sinn der Welt. Es ist nicht die naive Vorstellung von einem irdischen Glück oder Unglück spendenden Gott, der die Geschichte des Einzelnen lenkt,