B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 172 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597702--0194-9597712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 Wenn wir mit diesen zwei Fragen an das Leben und Denken Bruder Spiegels herangehen, so rundet sich alles, was er gesagt und getan hat, zu einer klaren Einheit, die wir uns jetzt vor Augen führen wollen. * * * Wie war Bruder Spiegels Verhältnis zu Gott? Emil Spiegel war ein gläubiger Mensch; und Glauben war ihm Vertrauen. Der Urfrage des Menschen an das Universum: sollen wir diesem Universum vertrauen, ist all dies zum Teil vielleicht Begreifliche, zum allergrößten Teil Unverständliche, das um uns und mit uns geschieht, etwas Gutes, oder etwas Böses? Führt es zum guten Ziel oder führt es ins Dunkel? Kurz: sollen wir ihm vertrauen oder nicht? — diese Frage hat Spiegel mit einem kräftigen: Ja! beantwortet. Und dieses: Ja — diese Vertrauensentscheidung — war der feste Punkt seines Wesens, der alles übrige bestimmte. Vertrauen in den Sinn der Welt: das war der Pol seiner Weltanschauung. Sein Gedicht „Glaube" bringt das zum klaren und geradezu genial straffen Ausdruck. Was ist der Glaube? Glaube ist Vertrauen Auf eine Kraft, die keiner je geschaut. Was ist der Glaube? Glaube ist ein Schauen Aus innerer Kraft, auf die man fest vertraut. Was ist der Glaube? Tiefstes Sinnverlangen Für eine Welt, die nebelhaft zerfließt. Was ist der Glaube? Einer Welt Umfangen, Die ihren Sinn der Liebe nur erschließt. Ich sagte: Der vertrauende Glaube ist der feste Punkt, auf den alles zurückgeht. Der Glaube führte ihn zuallererst zu Gott. Sein Gott entsprang aus dem Vertrauen. Dieser Gedankenweg liegt klar vor uns: Wenn ich vertraue, daß die Welt einen Sinn hat, so glaube ich, daß ein einheitlicher Geist in der Welt regiert, denn Sinn ist eine Kategorie des Geistes und dieser Geist ist Gott. In einem Gedicht, das den bezeichnenden Titel „Vertrauen" hat, ist diese innere Folgerung enthalten: Wohin es geht, ich weiß es nicht, Wohin es geht, ich frage nicht, Doch klar mir in der Seele steht, Daß es gewißlich vorwärts geht. Doch völlig klar ist mir bewußt, Daß etwas, über alle Lust Ja mehr, daß etwas in uns lebt, Das über allen Schmerz sich hebt. Wie man es immer nennen mag, Es hift uns über Zeit und Tag, Es weist auf einen Sinn der Welt, Der nicht mit uns zusammenfällt.