B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 171 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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171 über die Impression hinauszugehen trachten und uns bemühen, einen Überblick zu gewinnen, und uns in klaren Gedanken Rechenschaft abzulegen von seinem Wesen und seinem Wollen. * * * Lassen Sie mich versuchen, Ihnen ein solches Bild zu geben, soweit es meine Kräfte vermögen und soweit es in einer kurzen Ansprache möglich ist. Ich habe bei meinem Beginnen einen trefflichen Führer: Bruder Spiegel selbst. Ihn will ich womöglich selbst zu Ihnen sprechen lassen. Hat er uns ja seine Gedanken in einer Reihe von Reden, Vorträgen und Aufsätzen selbst dargelegt, die uns als teueres Vermächtnis des Toten geblieben sind. Aber er hat uns noch eine Gabe seines Geistes hinterlassen, ein Werk, von dem er nur in intimen Kreisen zu sprechen pflegte und das sich nach seinem Tode uns in der vollendetsten Gestalt darbietet; es sind seine Gedichte. Daß Bruder Spiegel ein Dichter war, ist Ihnen, liebe Brüder, nicht unbekannt. Bruder Ministerialrat Grünberger hat Ihnen vor einigen Jahren hier eine Auslese und Würdigung seiner Gedichte geboten. Bruder Spiegels Gedichte sind keine Lyrik im gewöhnlichen Sinne. Sie sind das, was man gemeiniglich Gedankenlyrik nennt. Sie sind weniger Gefühlsgestaltung als Gedankenprägung. In straffer, voller, zusammengedrängter und reifer Weise sind hier seine Gedanken geformt; und sie sind durch diese ihnen adäquate Form selbst klarer und reifer geworden. Seine Gedichte sind nicht bloß zufälliger Ausdruck, sondern Vollendung seiner Gedanken. Und so erscheinen uns gerade seine Gedichte als der beste und anmutigste Führer durch seine Gedankenwelt. Ihrer wollen wir uns auch hier bedienen Versuchen wir uns ein richtiges und ganzes Bild vom Wesen und Denken eines Mannes zu machen, so ist es gut, mit dem Grundlegenden zu beginnen; den geistigen Ursprung seines Seins und seiner Weltanschauung zu fixieren, aus denen sich dann das ganze übrige Wesen wie logische Folge und natürliche Wirkung ergibt. Der Weg, eine solche Weltanschauungsbasis eines Menschen zu finden, ist der, daß man versucht auf zwei Urfragen Antwort zu geben: Wie war das Verhältnis des Betreffenden zu Gott? Und wie war sein Verhältnis zur Vergangenheit? Ich habe mich da ganz populär ausgedrückt. Wollte ich es philosophisch sagen, so würden die Fragen lauten: Wie ist das Verhältnis des betreffenden Menschen zum absoluten Sein? und: Wie ist seinVerhältnis zum absoluten Werden? Wie ist das Verhältnis zum absoluten Sein, d. h. wie verhält sich ein Mensch zur Unendlichkeit, der er als kleiner endlicher Mensch gegenübersteht, zum Universum, zum Unbedingten, zum Absoluten, zu Gott? Und die zweite Frage: Wie verhält er sich zum absoluten Werden, d. h. einfach zum Zeitablauf, zur Geschichte? Wie stellt er sich in die Zeit? Wie blickt er auf die Vergangenheit und wie blickt er auf die Zukunft?