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B'nai B'rith · 1923-10-01 · 8 (10.1923) · p. Seite 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
8 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 170 (sequence 8)
Language
German
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170 Der Tod ist ja schon im Allgemeinen ein unfaßbares Phänomen. Das ganze Leben ist eine Schule des Todes, eine Schule, in der wir lernen sollen, den Tod zu erfassen, und eine Schule, die stets erfolglos bleibt. Wir können uns nicht vorstellen, daß ein Mensch, mit all seinem unendlichen Lebensverlangen, mit all seinem Reichtum an Freuden und Leiden, nun einfach nicht mehr ist, nun plötzlich reines Nichts ist. Dieses Nichts ist für uns dauernd unfaßbar und nur Oberflächlichkeit glaubt, es fassen zu können. Bei einem jeden Todesfall, an dem wir nicht gedankenlos vorübergehen, erschüttert uns diese Unfaßbarkeit immer von Neuem. Wie überwältigend ist dieses Erlebnis erst hier für uns, die wir dieses Leben noch in frischester Erinnerung haben, das für uns geglüht und das in unserer Mitte seinen schönsten Wirkungskreis gefunden hat. Wie überwältigend ist diese Unfaßbarkeit gerade für uns an dieser Stätte, die vollgesogen ist vom Geiste Bruder Spiegels, wo wir noch seine Stimme zu hören vermeinen und wo wir unwillkürlich unsere Blicke zu jener Stelle schweifen lassen, wo er zu sitzen gewohnt war. Er ist nicht mehr unter uns, und wir sind zusammengekommen, um an dieser Stätte, die noch vor kurzem so erfüllt war von seinem Leben, über seinen Tod zu klagen. Was hilft uns diese Klage, was bedeutet uns diese Zusammenkunft, und was hat es für einen Sinn, in feierlicher Weise um unsere Toten zu trauern? Fragen wir ihn selbst, wenden wir uns an Bruder Spiegel, wie wir es ja stets in Gewissensfragen hier zu tun gewohnt waren! Vor etwa eineinhalb Jahren hatte ich die Ehre und die traurige Pflicht, von dieser Stelle aus den Heimgang unseres unvergeßlichen Bruders Prof. Dr. Isidor Pollak zu beklagen. Ich sprach über Bruder Pollak als Mensch und Gelehrten und nach mir sprach Bruder Spiegel über Pollak als Ben B'rith. Und er begann seine Rede auf Professor Pollak mit den Worten, die ich nun auf Bruder Spiegel selbst anwenden möchte, und in denen er uns gleichzeitig klar zur Antwort gibt, welchen Sinn unsere Zusammenkunft hat. Er sprach: ,,Lo jered acharow kewodo! Nicht soll mit ihm hinabgestiegen sein, was sein Kostbarstes gewesen! Das soll unser Trost und unser Vorsatz sein am heutigen Tage. Was seinen Ruhm ausgemacht hat, es soll leben und wirken über sein Irdisches hinaus, indem wir es in uns aufnehmen, festhalten und dauernd pflegen. Diesem Zwecke ist ja die heutige Versammlung bestimmt, daß wir uns noch einmal, aber nicht zum Abschied, sondern zu bleibender geistiger Verbindung das volle Bild unseres verklärten Bruders vor unser geistiges Auge stellen." Ein volles Bild seines Wesens wollen wir uns vor Augen stellen, aber nicht zum Abschied, sondern zu bleibender geistiger Verbindung! Wir brauchen uns wahrhaftig nicht zu bemühen, uns Bruder Spiegel lebendig vorzustellen. Wir sind noch alle voll von ihm, wir sehen ihn noch, vernehmen seine Worte, fühlen das gebändigte Feuer seines Geistes, lauschen auf den schlagenden Witz seiner Rede und folgen dem Ernste seiner Argumentation. Und doch wird es schon heute gut sein, wenn wir

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