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B'nai B'rith · 1923-09-01 · 7 (9.1923) · p. Seite 157

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
7 (9.1923)
Date
1923-09-01
Page
Seite 157 (sequence 11)
Language
German
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1*57 sei das einzige Gebiet gewesen, das er nicht theoretisch durchgearbeitet hätte. Jerusalem nannte seine philosophische Weltbetrachtung kritischen Realismus. Er glaubte, daß die Philosophie lebenszugewändt sein müsse und daher trat er dem Pragmatismus nahe. Den alten Propheten gleich predigte er nicht für die Schule, sondern für den lebendigen Fluß des Lebens. Auch darin glich er ihnen, daß er gottgläubig war, daß er Gott als das höchste Kraftzentrum und die Welt als die stärkste Kraftäußerung auffaßte. So führte ihn eine psychologische Einsicht zum Gottesglauben. Oder vielmehr der Gottesglaube war bei ihm wohl das primäre und dieser führte ihn zu der gewagten Folgerung, die fundamentale Apperzeption zur Konstruierung des Gottesbegriffes zu gebrauchen. Wilhelm Jerusalem war auch als Privatmann durchaus nicht lebensabgewandt. Kindlich konnte er sich über das Kleinste freuen. Die Natur, eine fröhliche Gesellschaft, ja auch ein Sipeichen Tarock «füllten ilm mit Genuß. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter. Jedem •gesellschaftlichen Niveau wußte er sich anzupassen und jede Gesellschaft regte er geistig und seelisch an. Er war ein Freund allen Menschen, die guten Sinnes sind und ein herzlicher Freund seinen Freunden. Niemand anerkannte mehr als er die Verdienste des andern, niemand schätzte sich selbst bescheidener ein, als Jerusalem es tat. Sein ganzes Leben war Lernen und Lehren. Und so konnte er als Wahlspruch seines Lebens Solons Spruch gebrauchen: ..Ich werde alt und höre doch nicht auf, stets zuzulernen." * * * Im vorstehenden Artikel wird die Bedeutung des so plötzlich -dahingeschiedenen Br. Professor Jerusalem als Gelehrten, als Philosophen und Soziologen gewürdigt- Wir aber fühlen es als eine Herzenspflicht, dem Bruder Wilhelm Jerusalem, Expräsidenten der Loge „Wien", dem treuen Freunde unseres Distriktes, dem allzeit bereiten Mitarbeiter unserer Zeitschrift, einige Worte treuen Andenkens zu widmen und seine Bedeutung für unsern Orden hervorzuheben. Bruder Wilhelm Jerusalem war bei dem am 22. März des Jahres 1895 in Wien gehaltenen Propaganda-Vortrag des dahingeschiedenen Großpräsidenten Dr. Hammerschlag anwesend, und dieser Vortrag machte, wie er selbst in der von ihm verfaßten Festschrift anläßlich des 25jährigen Jubiläums der „Wien" erzählt, auf ihn einen großen und starken Eindruck. Es war für ihn geradezu ein Erlebnis, hier eine Auffassung des Judentums von einer großen Gemeinschaft vertreten zu sehen, die vollständig im Einklang war mit den Gedanken und Grundsätzen, welche er sich infolge seiner Jugenderziehung, seiner Berufswahl, seiner wissenschaftlichen Studien und seines Verkehrs mit christlichen Kollegen im Laufe der Jahre selbst gebildet hatte. Er war deshalb sofort entschlossen, sich dem Bunde anzuschließen. Doch war er damals durch seine Lehrtätigkeit im Gymnasium, sowie auch als Dozent an der Universität und seine intensive schriftstellerische Tätigkeit so sehr in Anspruch genommen, •daß er erst im Jahre 1907, als er seine Gymnasiallehrtätigkeit

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