B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 7 (9.1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- Seite 156 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Essays, wie sein Buch Gedanken und Denker", runden sich zu philosophischen Erkenntnissen ab. Wie er der Sprache förmlich in die Seele sah, so zog er aus ihr die inneren Kräfte, die sich in seinem Vortrag und in seinen Werken entfalten. Ob der schöpferische Philosoph Jerusalem der Wissenschaft neue Antriebe gegeben hat, ob seine Lehre von der fundamentalen Apperzeption., seine Begriffsbestimmung der Staats- .und Völkerwürde und manch anderer Gedanke in Ethik und Ästhetik, den er für neu hielt, so z. B. was er über Funktionslust schrieb, tiefere Spuren in der philosophischen Wissenschaft zurücklassen wird, daran zweifeln wir. Zumal auf dem Gebiet der Soziologie fehlten ihm die in der Richtung der ökonomischen Forschung gelegenen Grundlagen für die Erkenntnis dieses Neulands der sozialen Wissenschaften. Ungleich tiefer als Jerusalem hat Simmel, sein Zeitgenosse, dieses Gebiet durchpflügt. In der Philosophie ragen, wie in der Alpenwelt, nur die höchsten Gipfel hoch über alle anderen empor. Die kleinen Gipfel kennt wohl die Wissenschaft, aber sie werden nicht zu Symbolen einer Geistesrichtung. So wird es wohl auch Jerusalem ergehen. Er wird nicht neben den Größten genannt werden. Aber ein Verdienst wird ihm allezeit gewahrt bleiben, und das ist durchaus kein geringes Verdienst sowohl um die Wissenschaft, wie um seine Zeitgenossen. Jerusalem hat durch sein Wirken als Ivehrer und durch seine Schriften, besonders durch die Einleitung in die Philosophie, das philosophische Denken überall dahin getragen, wo der Sinn für Geistiges nicht gänzlich ertötet ist. Er lehrte in Wahrheit das ,,philosophische Staunen", von dem er in seiner Eröffnungsvorlesung eines Kollegs über die Einleitung in die Philosophie sprach. Seine „Einleitung" ist geradezu zum Volksbuch geworden. Es erlebte Auflage auf Auflage und wurde in sieben fremde Sprachen, darunter auch ins Japanische, übersetzt. Die Gedanken Piatos, Kants, Hegels und vieler anderer Philosophen, die sonst nur für den „Wissenden" zugänglich waren, förderte er zutage, wie der Bergmann aus der Tiefe des Schachtes das Erz zutage fördert. Noch Nietzsche, der doch gewiß der höchste Sprachkünstler unter den Philosophen ist, sagte: „Ich will Gehege um meine Zähne geben, damit der Unberufene nicht eindringe." Eine krause Terminologie, ein Entblößen des Wortes von Fleisch und Blut, ein Sichverlieren im Bergiffliehen, das war Philosophenstil. Jerusalem hat den philosophischen Denkbegriffen Fleisch und Blut gegeben, er machte uns die Gedanken der Denker zugänglich und zeigte, daß jeder denkende Mensch sich an die Weltprobleme heranwagen dürfe. In seinen Schülern, in seinen Lesern wird Jerusalem fortwirken und kommende Geschlechter werden sich der Früchte seiner Geistesarbeit erfreuen. Betrachten wir noch den äußeren Menschen Jerusalem. Sein Äußeres war der Spiegel seines Innern. Sein Patriarchenhaupt krönte eine hohe Stirne, in die die Gedankenarbeit tiefe Furchen geschlagen hatte. Sein Auge lag tief in den Höhlen und leuchtete gewissermaßen nach innen. Wer in das von wallendem Bart umrahmte Antlitz blickte, der wußte, daß er einen Gelehrten vor sich hatte. In der Tat, es gab kaum ein Gebiet menschlichen Wissens, das Jerusalem fremd blieb. Scherzhaft pflegte er zu sagen, die Musik