B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 7 (9.1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 nielwerk „Die Wissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen" (Verlag Felix Meiner, Leipzig) niedergelegt. Sein äußeres Leben verlief einfach, ein richtiges Gelehrtenschicksal. Wie Nietzsche ging auch Jerusalem von der klassischen Philologie aus, und die Liebe zu den alten Sprachen, deren Bildungswert er auf das höchste schätzte, wir verweisen auf sein Buch „Die Aufgabe des Lehrers an höheren Schulen", blieb ihm sein Leben lang treu. Wir sprechen von alten Sprachen und nicht von der klassischen Philologie, weil Jerusalem auch die hebräische Sprache mit in den Kreis eingehender Pflege zog. Um sie ja nicht zu vergessen, hörte er nicht auf, hebräische Schriftwerke zu studieren und manches schöne Wort und manchen blinkenden Gedanken entnahm er den Propheten, von denen er einzelne, wie Arnos, auf das höchste schätzte. War es ein Gedanke Nietzsches, es solle der Versuch gemacht werden, aus der Geschichte der Worte eine Weltgeschichte abzuleiten, so wünschte Jerusalem von der Sprachenkenntnis aus die Psychologie zu bereichern. Zur Philosophie wurde er geführt, als ihm, dem Mittelschullehrer, eine Lehrverpflichtung für Propädeutik übertragen wurde. Jerusalem diente sein gerütteltes Maß als Mittelschullehrer und erst, nachdem er in den Ruhestand getreten war, widmete er sich ganz der Philosophie und erklomm langsam die Stufen des akademischen Lehramtes an der Wiener Universität. Viele Jahre war er Privatdozent, vor wenigen Jahren erst wurde er zum Extraordinarius und knapp vor seinem Hinscheiden zum ordentlichen Professor der Wiener Universität ernannt. So wird wenigstens seine Herme den Arkadenhof der Wiener alma mater schmücken. Wie beliebt Jerusalem bei seinen Hörem war, bewies der Zuzug zu seinen Vorlesungen. Nur der französische Philosoph Bergson konnte sich und kann sich eines gleichen Erfolges rühmen. Auch der größte Hörsaal war zu klein, um die Zuhörer zu fassen und so mußten die Vorlesungen schon des Privatdozenten in den Festsaal verlegt werden. Sein Vortrag war klar, lichtvoll, plastisch, gemeinverständlich, auch dann, wenn Jerusalem in das dunkle Gebiet der Metaphysik hinabstieg. Ein Bewunderer Schillers, in dessen Werke er sich noch in seinen letzten Lebensjahren vertiefte, und ein Verehrer Goethes, hatte er sich einen klassisch ruhigen Stil in seinem Vortrag wie in seinen Schriften angeeignet. Diese Klarheit der Ausdrucksweise ermöglichte es ihm, die schwierigsten philosophischen Probleme für den Denkenden, auch wenn er der grundlegenden philosophischen Bildung entbehrte, faßlich darzulegen. Schopenhauer sagt in seiner Kritik der Kantschen Philosophie: ,,Wer sich selbst bis auf den Grund klar ist, und ganz deutlich weiß, was er denkt und will, der wird nie undeutlich schreiben, wird nie schwankende unbestimmte Begriffe aufstellen und zur Bezeichnung derselben aus fremden Sprachen höchst schwierige, komplizierte Ausdrücke zusammensuchen, um solche nachher fortwährend zu gebrauchen." Diese Worte Schopenhauers schienen dem Stil Jerusalems die Richtung zu geben. Wie in seinen akademischen Vorträgen, so duldete er auch in seinen Schriften nichts dunkles, zweideutiges, unklares. So lesen sich seine Einleitung in die Philosophie und seine anderen philosophischen Schriften, wie Essays, und seine