Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1923-09-01 · 7 (9.1923) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
7 (9.1923)
Date
1923-09-01
Page
Seite 154 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597677--0167-9597685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

154 WILHELM JERUSALEM. Am 17. Juli d. J. ist unser Bruder Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem, Expräsident der w. Wien, verschieden. Br. Expräs. Dr. M. Feith widmete dem dahingegangenen Bruder einen, seine wissenschaftliche Bedeutung würdigenden Nachruf, den er uns auch für unsere Zeitschrift übermittelte: Kaum mehr als ein halbes Jahr ist es her, seit wir Wilhelm Jerusalem bei uns am Vortragstisch sahen, seit wir durch ihn und mit ihm Stunden frohen Genusses und innerer Einkehr verlebten. Wohl war er das letztemal, da er in Brünn weilte, etwas müder als gewöhnlich, etwas weniger jugendlich elastisch, er stand nicht, wie es sonst seine Art war, vor dem Vortragstisch und er hatte ein Heft vor sich liegen, in das er öfter einen Blick warf, aber seine Stimme hatte den alten Wohlklang, das Wort schien ihm aus der Seele hervorzuquellen, und was er sprach, wirkte wie das Wort eines Propheten. Dieser Mann, den wir lebensfrisch vor uns sahen, ist nicht mehr. Welch ein reicher Geist ging ein zur ewigen Ruhe, welch außerordentliches Wissen wurde mit ins Grab gebettet, welche Summe von Lebensfreude und Lebensmut verließ die Welt! Noch war das Lebenswerk des Mannes nicht zu Ende geführt, noch trug er sich mit weitgreifenden Plänen. Insbesondere war es das Gebiet der Soziologie, das dem Alternden am Herzen lag. An der Schwelle des Greisenalters, da wo ein anderer die geistige Tätigkeit mit rückschauender Ruhe vertauscht, begann Jerusalem die Soziologie zu durchpflügen. Der Krieg besonders war es, der ihn zu dieser Wissenschaft führte, in der er als ein Nachfahre August Comtes und als Verehrer Herbert Spencers seine Forschungen begann. Zwei Bücher, das eine im Krieg, das andere kurz nach Abschluß des Krieges geschrieben, ,,Der Krieg im Lichte der Gesellschaftslehre" und „Moralische Richtlinien nach dem Kriege, ein Beitrag für soziologische Ethik", sind die Früchte dieser Forschungsarbeit. Den schöpferischen Philosophen Jerusalem, der fast auf allen Gebieten philosophischer Wissenschaft, in den propädeutischen Disziplinen, zumal in der Psychologie, in der Erkenntnistheorie, in der Ontologie, in der Ethik und Ästhetik als Forscher wirkte und malichen neuen Begriff prägte, mögen andere würdigen. Wir wollen den Spuren des edlen Menschen folgen, des Menschen, der ein Lehrer war im ciceronianischen Sinn — „es ist süß, die Jugend zu belehren" — der Geschlechter von Studenten zu reinem Fühlen und wahrer Erkenntnis hinaufzog, der in seinen Büchern die philosophischen Erkenntnisse aller Zeiten zum Gemeingut der denkenden Menschen machte, der, ein Freund Ernst Machs und vieler anderer geistig großer Zeitgenossen, mächtig auf seine weiteste Umgebung wirkte und die Spuren seines Erdenwallens tief in das Erdreich der zeitgenössischen Wissenschaft eingrub. Wilhelm Jerusalem hat ein Bild seines äußeren Lebens und seines wissenschaftlichen Wirkens in prägnanter Kürze in dem Sam-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.