Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1923-09-01 · 7 (9.1923) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
7 (9.1923)
Date
1923-09-01
Page
Seite 152 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597677--0165-9597683
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 leite zu geben. Nahezu vollständig war das Generalkomitee der Großloge erschienen. Die österreichische Großloge sowie sämtliche Logen des tschechoslowakischen Distrikts hatten Vertreter entsandt. In der Leichenhalle sprach zuerst Br. Rabbiner Prof. Dr. W e i n e r. Er beklagte den Verlust des hervorragenden Juden, der in Emil Spiegel gestorben ist. Namens der w. Bohemia verabschiedete sich Br. Expr. Dr. Gross mit folgenden Worten von dem Toten: In tiefer Trauer stehen wir an diesem Sarge, der die entseelte Hülle unseres geliebten Freundes und Bruders birgt. Emil Spiegel — der vornehmste Geist unserer Gemeinschaft ist von uns geschieden. In diesem zarten Körper wohnte eine starke flammende Seele, das unscheinbare Äußere barg die schönste edelste Gesinnung. Ich sah unseren Bruder kurz nach dem Tode. Die edle Stirn leuchtete in faltenloser Reine, das sanfte gütige Auge strahlte noch die dunkle Glut des Sehers aus, der feine Mund war von einem Lächeln umspielt. Er haderte nicht, er dankte dem ,,König des Todes", daß er ihn den Leidenskelch nicht zu Ende trinken ließ, mit einem Segen im Herzen muß er verschieden sein, so wie er im Leben ein Segen war sich und der Menschheit. Darum wollen auch wir nicht klagen, daß er uns so früh entrissen wurde, daß das Leben ihm so viel schuldig geblieben — wir wollen seinen großen Geist uns umschweben lassen, er soll uns das Leid tragen helfen, das sein Heimgang uns zugefügt. Was Emil Spiegel war, was er uns war, kann ich nicht einmal andeuten. Er war ein Priester und er war ein Dichter. Ein Priester edler Menschlichkeit, Verkünder idealster Menschenliebe, ein Dichter voll zarter Lyrik, schwungvollen Pathos und feinen Humors. Er war ein Deutscher und er war ein J u d e. Erfüllt mit der Bildung seiner Zeit, ein Kenner und Schätzer der deutschen Dichter und Denker, hat er den Geistesschatz der deutschen Nation in sich aufgenommen und mit eigenen Werken vermehrt, er liebte ihre großen Männer, ihre Bücher sammelte und bewahrte er als sein heiliges Gut. Er war ein J u d e. Die jüdische Religion, das Judentum war ihm etwas Lebendiges. Mit seltener Kraft vereinigte er ein gläubiges Gemüt und tiefen philosophischen Verstand. „Liebe zum Judentum, bewußt durch eine philosophische Idee" lebte in ihm, wie ein junger Freund von ihm sagte. In Hermann Cohen fand er diese ihm adaequate Vereinigung von Gemüt und Verstand, aus seinen Werken holte er Beweise seiner Lebensanschauung, die er uns in Rede und Vortrag so hinreißend vermitteln konnte. Das Schrifttum des Judentums kannte er wie wenige seiner Generation, heilige Schrift und Propheten waren ihm Quelle stets erneuten Studiums und inbrünstiger Erbauung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.