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B'nai B'rith · 1923-06-01 · 6 (6.1923) · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
6 (6.1923)
Date
1923-06-01
Page
Seite 133 (sequence 7)
Language
German
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133 liehe Gnadenreligion kann den Menschen nicht aller sittlichen Verantwortung entheben. Aber die stärkere Tendenz ist in jeder der beiden Religionen klar; ja erst durch sie wurde der Sinn des Glaubens und der Glaubensentscheidung als einer ewigen Antwort auf eine ewige Frage erkannt. Und indem Weltsch die reine Form der beiden Entscheidungen darstellt, erweist sich der Freiheitsglaube als der an sittlicher Kraft weitaus überlegene. Nur bei ihm.fällt Sittlichkeit und Ablauf der Wirklichkeit nicht auseinander; das Werden der Welt, ihre Vervollkommnung empor zum absoluten Sein, dem der Mensch den Namen des namenlosen Gottes gibt, ist verpflichtende, heiligste Angelegenheit des Menschen; durch des Menschen sittliche Tat kann die Wirklichkeit vergöttlicht, Gott verwirklicht werden. Weltschs Buch, von schwerer Wissenschaftlichkeit gesättigt, liegt in den ruhigen Breiten einer gleichwohl höchst lebendigen Forschung. Max B r o d folgt von vornherein dem dramatischen Akzent des Problems und geht, Strecke um Strecke äußeren und inneren Gegnern abringend, auf den Kern des jüdischen Erlösungsgedankens zu. Die Gestalt, mit der Brod am mächtigsten gerungen hat, deren Gestaltung darum auch ein ergreifendes Meisterwerk bleiben wird, ist der Apostel Paulus. In ihm war die tragische Urfrage des Menschen mit einer solchen Leidenschaft aufgebrochen, daß die Antwort, die ihn gewaltig überkam, Millionen Menschen Lösung wurde. Auf die Urfrage: Ich weiß vom Guten, aber ich weiß nicht, ob das, was ich tue, zum Guten ausgeht, ja, ob ich nicht verstrickt in die Gesetze des irdischen Seins, Gutes zu tun glaube und doch Leidbringendes tue, auf diese Urfrage wußte das Heidentum nur eine Antwort der Ratlosigkeit zu geben: Gutes und Schlechtes in dieser Welt ist willkürlich oder unabwendbar; aber wir haben nur diese eine Welt; ordnen wir uns ein, so gut wir dürfen; Ordnung ist Beruhigung! Paulus, den Monotheisten, konnte diese Antwort nicht mehr beschwichtigen. Seine Frage schien ihm freilich so verwirrend neu, daß er ihre Beantwortung nicht aus dem Judentum heraus fand, aber doch aus einer Extase, die jüdisches Gedankenmaterial umdeutete: Alles in dieser Welt ist verderbt, fortgeerbtes Böse. Unser Leben ist ein Mehren des Übels. Das Wunder des Guten kann nur Gott allein vollbringen und er hat es vollbracht als Jesus, als der vom Volk ersehnte Messias. Er hat das Böse der Welt, das wir verschuldet haben, auf sich genommen. Darum erlöst er uns von dieser Welt und begnadet er uns, aber einzig und allein nur dann, wenn wir an Jesus glauben. Die Bruchstelle gegenüber dem Judentum ist instinktiv fühlbar: es ist der Kampf des einzigen Gottes mit dem Bösen, als einer gegen ihn existierenden Macht, der er nicht anders beikommen kann, als daß er sich von ihr ans Kreuz schlagen läßt; es ist die Ünselig-Sprechung dieser Welt. Und hier ist es, wo Brods neue Gedanken einsetzen. Er hat das alte und neue jüdische Schrifttum auf eine Antwort nach der allmenschlichen Urfrage durchsucht, hat verschüttete Gedankengänge aufgedeckt, verdunkelte Bewegungen, vergessene Menschen ins Offenbare gehoben, um aus der allerpersönlichsten Not seine Liebe zum Judentum gegen das christologische Überlegenheitsgefühl Europas zu rechtfertigen.

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