B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 6 (6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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134 \ Aller Brlösungsdrang ist Befreiungsdrang aus Leid. Nun ist aber alles Leid des Menschen entweder ein Leid, das seinem innersten Sein — auch dem physischen — entspringt oder seinem Mit-Sein mit anderen. Brod, der auf diese meine Distinktion vom Leid der Existenz und Koexistenz hinweist, nennt diese beiden Leidenssphären, indem er ein wenig ihre Grenzen verschiebt, um mehr die menschliche Haltung und das Schicksalmäßige hervorzuheben, edles und unedles Unglück. Die Hinfälligkeit meines Leibes, die Verzweiflung über die Enge meiner Kräfte, das ist edles Unglück. Solchem Unglück kann ich nur Demut entgegensetzen. Aber das Leid, das aus Menschenversklavung, aus bewußter Ungerechtigkeit geschaffen wird, gegen das ich aus natürlichem Freiheitsdrange mich empöre, solches unedle Unglück ist verminderbar kraft des menschlichen Willens. Am Abbau des unedlen Unglücks mitzuwirken ist Menschenpflicht. Hier ist der Bezirk, auf den sich das jüdische „Gesetz" bezieht; es ist nicht eine bloße Angelegenheit zwischen Mensch und Gott, sondern zwischen Mensch und Mensch. Darum muß ich das, was ich als meine Pflicht erkannt habe, tun, auch wenn es gegen die Richtung meiner Natur ist. Ich muß gegen unedles Unglück ankämpfen, auch wo dieser Kampf edles Unglück für mich wird. Denn dies allein ist durch keine Bemühung erreichbare Gnade, daß diese beiden, ihrem Wesen nach unvereinbaren Provinzen meines Lebens versöhnt seien, daß das, was ich soll, gleichzeitig auch das ist, was ich mit Liebe will. Nur wer so, aus Gnade, auf der höchsten Ebene der guten Tat am Diesseits wirken kann, erlebt Gott, weil er sein größtes Wunder erlebt: das Diesseitswunder. Im neuartig gelesenen „Lied der Lieder" ist für Brod das große Literaturdokument des Diesseitswunders gestaltet, in einer kurzen Talmudlegende entdeckt er sein meisterliches Lehrbeispiel und damit das Lehrbeispiel des Judentums. Rabbi Simon bar Jochai, von Römern verfolgt, lebt mit seinem Sohne zwölf Jahre in einer Höhle. Als beide wieder in die Welt hinaustreten, sehen sie Menschen pflügen und säen. Da ergrimmen sie über die, welche sich mit irdischen Dingen abgeben, und wohin sich ihre Blicke wenden, versengen sie alles. Eine Himmelsstimme aber ruft: Seid ihr deshalb aus der Höhle gekommen, um meine Welt zugrundezurichten? Kehret wieder in die Höhle zurück! Sie hatten erst die Stufe der christlichen WTeltverachtung erreicht, sie waren noch nicht zur jüdischen Heiligkeit aufgestiegen, für welche die Arbeit an der Welt Menschenaufgabe ist. Erst als sie nach zwölf Monaten wieder die Höhle verließen, hatten sie diese höchste Stufe erreicht: „Uns ist ein Wunder geschehen, sprach bar Jochai, daher will ich eine gute Einrichtung treffen." An dem Sinne der jüdischen Heiligkeit, das heißt an der jüdischen Erkenntnis von Pflicht und Gnade, erschließt sich Brod die grauenhafte Tragik des heidnisch-christlichen Europa, das in einem ruhelosen Organisieren oder in Schlagworten wie: Politik und Moral sind zweierlei, sich religiös erlösen will. Diesem Europa stellt er die immer fortwirkenden Lebensimpulse jüdischer Gemeinschaft, jüdischer Menschen in ihrer ganzen Daseinsfülle entgegen. Ja, noch im Widerschein großer christlicher Gestalten, wie Dantes und Kierkegaards, wird der Uranteil des Judentums gigantisch sichtbar. Man wird gegen die beiden Bücher, man wird gegen die ganze Prager Richtung einwenden, daß sie bei all ihrer philosophischen und