B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 6 (6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- Seite 132 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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132 wir aber weiterleben, so bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit schon in unsere Vertrauensentscheidung mit einzubeziehen. Zwei Glaubensmöglichkeiten hat der Menschengeist bisher gefunden. Entweder müssen wir glauben, daß diese Kluft nur durch die G n a d e einer außerirdischen Macht überbrückt werden kann, also nur durch sie die Welt gut und vollkommen wird, oder wir müssen glauben, daß der Wille des Menschen wenigstens in einzelnen großen Momenten so stark ist, d. h. so f r e i ist, das Gute zu wollen, also die Welt, wenn auch nur in einem winzigsten Maße, an einer winzigen Stelle vollkommener zu machen und den Abgrund zwischen Ideal und Wirklichkeit verschütten zu helfen. Die Frage nach der Natur des Glaubens wird zur Frage nach der Natur unseres Willens. Und die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit liegt nicht erst außer uns, sondern schon in unserem Willen selbst. Ist es denn für mich, der ich an eine bestimmte mechanische Natur gebunden bin, überhaupt möglich, etwas anderes zu wollen, als ich wollen muß? Kann der Pfeil meines Willens eine andere Richtung nehmen, als die Sehne meines vitalen Körpers durch ihre Schwungkraft ihm gibt? Nicht ob ich das Gute tun kann, ob ich es auch nur wollen kann, ist die tiefste Frage meiner Existenz, Und abermals zeigt sich auch hier die doppelte Nuance der Vertrauensentscheidune:: entweder glaube ich an die Gnade eines allmächtigen Wesens, das allein die Richtung meines Willens, oder meiner ganzen Natur, zum Guten wenden kann, oder ich glaube, daß es wenigstens für Augenblicke möglich ist, meinen Willen, wie er aus den Elementen meiner vitalen Natur emporschnellt, aus freien Stücken in eine andere Bahn hinüberzureißen. Die kritische Frage des Glaubens bleibt also die Frage nach der Freiheit und Unfreiheit des Willens. Aber ihre psychologische und metaphysische Diskutierung, die Weltsch mit großer Feinheit und literarischer Weitsicht vornimmt, ist für jeden schon in seinem freien Glaubensakt des Vertrauens zum Universum entschieden. Aus abgrundlosem, nicht mehr begründbarem, also freiem Glauben neige ich mich zu den Argumenten der Willensfreiheit oder hebe ich diese Argumente auf. Weltsch selbst glaubt nicht an eine absolute Freiheit des Willens aber ebenso nicht an eine absolute Unfreiheit. Dem Menschen ist in einzelnen Augenblicken — und er kann solche Augenblicke vorbereiten —die Möglichkeit gegeben, alle Hemmungen seiner Natur, seines Charakters zu durchbrechen und die freie, d. i die sittliche Tat zu tun. Wer gnadengläubig durch die Welt geht — und dies ist die christliche Einstellung — fühlt sich immer beruhigt und überall machtlos. Er kann für sich und die Welt nichts tun. Alles ist Trug. Es gibt kein Verdienst und keine Leistung. Der Freiheitsgläubige aber — und das Judentum ist freiheitsgläubig — weiß, daß es auf seinen Willen in der Welt ankommt. Er fühlt sich mitschuldig an dem Schlechten, er ist nie gesichert, immer im Kampf um das Gute. Die praktische Ausgestaltung der Religionen mußte die Grenzen zwischen Gnaden- und Freiheitsglauben oft verwischen. Der jüdische Freiheitsglaube kann die menschliche Freiheit nicht zu einer Beengung der göttlichen Allmacht führen lassen (denn ein Gott, der nicht allmächtig ist, wird ein monotheistischer Widerspruch) und die christ-