Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1923-06-01 · 6 (6.1923) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
6 (6.1923)
Date
1923-06-01
Page
Seite 131 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597652--0139-9597657
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

131 Holz ist jüdisch bis in die letzte Faser, d. h. es lebt und wächst kraft einer bewußten Liebe zum Judentum. Und vielleicht ist dies wirklich die knappste Formel der Prager Richtung: Liebe zum Judentum, die durch eine philosophische Idee bewußt wird. Die vielen jüdischen Dichter Prags, heute von führender Geltung, sind religiöse Philosophen. Der jüdische Erbteil beginnt in ihnen bewußt zu werden. Selbst die christologischen Schwärmer unter ihnen wissen, daß das Judentum ebensowenig wie das Christentum naive Heilsbotschaft für Lohn und Strafe ist, sondern Antwort und Antwort-Hilfe auf unsere ersten und letzten Fragen. Und so hat gerade das Pathos des literarischen Prag (wie sonst nirgends mit ähnlicher Offenheit) Judentum und Christentum einander gegenübergestellt. Die zwei wichtigsten Dokumente der Prager Richtung — ,,Gnade und Freiheit" von Br. Dr. Felix W e 11 s c h und ,,H e i d e n t u m, Christentum, Judentum" von Max B r o d (beide im Kurt Wo lff-Verlag München) — sind auch die wichtigsten Dokumente unserer gesamten jüdischen Gedankenforschung in der jüngsten Zeit. Von ihnen, als einem Beispiel, möchte ich sprechen. Beider Ausgangspunkt ist die Einstellung des Menschen zum Weltgeschehen, gleichsam die Urkampfesstellung desMenschen, der dem Ansturm des Unendlichen standzuhalten hat. Weltsch, der Philosoph, Verweilt bei der Durchhellung dieses Urprozesses, indem er seine psychologische Struktur und seine ethischen Keime aufdeckt. Brod. der Künstler, sieht den Menschen in diesem Kampfe, die Plastik seines Schicksals, die gewaltigen Schöpfungen seines Erlösungsdranges. Weltsch geht es um den Sinn der Welt, Brod um die Möglichkeit, in der Tragik des Daseins zu leben. Weltsch schreitet ins Unpersönliche, Abstrakte, Brod ins Individuelle, Gestaltenhafte. Beide aber finden aus der Trübnis der Welt den Weg zum Gedankengehalt des Judentums; und aus diesem Gedankengehalt heraus erleuchtet sich ihnen Welt und Leben. Das Grunderlebnis des Menschen ist seine Stellungnahme zum Chaos Welt. Mit großer Klarheit führt Weltsch aus, wie wir, um bestehen zu können, zu dieser Welt Zutrauen fassen, an den Sinn der Welt ohne Grund, also aus freiem Willen, glauben und wie dieser Glaube oder diese freie Vertrauensentscheidung die Urzelle unserer geistigen Existenz ist. Die Wahrheitsuche der Wissenschaft und die Entfaltungen der Religionen entstammen dem gleichen Urgrund. Denn der Drang des Menschen geht dahin, seine Vertrauensentscheidung immer intensiver und umfassender zu erleben. Ja, selbst das, was wir kraft unserer Vernunft als absolut feststehend erkennen, setzt doch voraus, daß wir an die Wahrheitskraft unserer Vernunft glauben. Es ist kein Platz für Nichtglauben auf irgendeiner Fläche des Lebens. Aber wahrhaft erkennend und das heißt wahrhaft gläubig ist nur der Mensch, der sich immer wieder in das Bewußtsein des Urerlebnisses, in die Konfrontierung des Ich mit dem Unendlichen hineinstürzt, der, nicht beruhigt, immer wieder die Vertrauensentscheidung fällt. Denn je ursprünglicher das Leben erfaßt wird, desto größer wird die Leistung der Vertrauensentscheidung für eine Welt, die in ihrer Wirklichkeit so unvollkommen erscheint gegenüber dem Ideal, das wir von dem unendlich Vollkommenen uns schaffen. Wollen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.