B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 6 (6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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130 Prager Richtung. Von Br« Prof. Dr. Friedrich Thieberger. Menschen, die nach Prag kommen und ein Gefühl für Nuancierung haben, können über die geistige Sonderheit des hiesigen jüdischen Typus nicht genug staunen. Noch bildet den Haupteinschlag der Jude, der ländliche Tradition und städtischen Intellekt deutlich in sich vereinigt, aber zwischendurch dringt schon jene jüngere Spielart des beweglichen Europäers, der sich nirgends lokalisieren lassen will, um in allen Salons heimisch zu sein. Dieses jüdische Prag ist nun in eine Atmosphäre getaucht, an welche das volkstümlichere Ostjudentum auch während des Krieges gar nicht abfärben konnte (zum Unterschied etwa von Mähren oder sogar Deutschland) und in welchem die unaufhörliche nationale Rivalität dem mehr oder weniger zuschauenden Juden den Blick für das vielfach Äußerliche jeder Gemeinschaftsbewegung geschärft hat. Dazu kommt, daß das jüdische Haus und die jüdische Gemeinde für das Bewußtsein immer schwerloser werden und der Atmosphäre keine neuen seelischen Strö- mungen zuführen. Auf diesem Hintergrund eines sanften Zerfalles zeigt sich nun, immer plastischer die sammelnde Bewegung einer ursprünglichen Liebe zum Judentum aus menschlicher Notwendigkeit. Und weil das Judentum als das Liebesobjekt nicht in einer starken Gemeinschaftssphäre erlebt wird, so ergreift diese Liebe den gedanklichen Gehalt des Judentums. Diese Erfülltheit von der Idee des Judentums ist aber weder vergleichbar mit einer unlebendigen Wissenschaftlichkeit, die prüft und registriert und sich mit dem Judentum etwa so abgibt wie mit dem Taoismus oder dem Budhismus, noch ist sie vergleichbar mit einer verstandesmäßigen Rechtfertigung und Verteidigung des Judentums als einer Erberscheinung, sondern sie ergreift den jüdischen Menschen als mächtigster Impuls zu seinem gedanklichen und sittlichen Sein. All dies erklärt den individualistischen Zug, der den Juden hier eigen ist, und den großen Einfluß der Theoretiker des Judentums Cohen und Buber. So haben wir denn hier in Prag, über alle inneren Parteiungen hinweg, doch wieder eine gemeinsame jüdische Richtung, die aus dem Kampf um die letzten menschheitlichen Probleme entstanden ist. Die .Jüdische Aktion", welche die Welt mit jüdischer Edelkraft durchsetzen wollte, also nicht für die jüdische Gemeinschaft, sondern für den jüdischen Individualismus sich begeisterte, war ein sichtbares Zeichen der Prager Richtung. Ihre Formulierungen tmd Folgerungen sind heute verdrängt, aber die Kraft, aus der sie geschaffen wurde: der Wille zu einem lebendigen Judentum aus persönlichster menschlicher Not, ist weiter am Werk. Das Wahrzeichen einer Richtung sind freilich nicht die Programme, sondern die Menschen. Und wir haben in Prag Menschen, die durch die Macht ihrer Existenz andere in solcher Richtung mitbewegen. An sie denkt man, wenn man vom Judentum spricht, an ihrem Ethos kontrolliert man sich selbst. Ich nenne mit dem Namen Br. Emil S p i e g e ls einen der vorzüglichsten. Seine Wurzeln reichen tief in den deutschen Idealismus (wie die seines Meisters Cohen), aber sein