B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 3 (3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Zwar und Aber. Eine lebensphilosophische Plauderei von Br. Dr. jur. u. phil. Friedrich Karl Pick. Ein bekanntes französisches Sprichwort sagt: ,,C'est le ton, qui fait la musique." In diesen Woiten liegt eine tiefe, international gültige Wahrheit. Sie besagt im Wesentlichen, daß nicht die starre äußere Form des Handelns wie des Gesprochenen, die wahre Wirkung auf das Gemüt des Betroffenen, des Angesprochenen ausübt, daß vielmehr von ausschlaggebender Bedeutung für die seelische Aufnahme des äußeren Geschehens die ihm zugrundeliegende Stimmung ist, jene Stimmung, deren Resonanz die feinempfindende Psyche des anderen zum gleichförmigen Mitschwingen veranlaßt und damit erst im günstigen oder ungünstigen Sinn beeinflußt. Eine ähnliche Weisheit enthielt schon das alte lateinische Wahrwort: ,,Siduo faciunt idem, non est idem." Wenn zwei dasselbe tun, ist r;s doch nicht dasselbe. Auch hier liegt die unterscheidende Wirkung eines äußerlich gleichwertigen Vorgangs im Motiv, der seelischen Stellungnahme des jeweilig Handelnden zu seiner Tat, deren Auswirkung nach außen die verschiedene Aufnahme bei der betroffenen Person zur Folge hat. Nun gibt es aber eine Form des Ausdruckes, die es ermöglicht, unsere innerliche Stellungnahme, diese seeliscl e Stimmung, je nach Wahl zu modulieren, dem jeweilig Günstigeren dadurch auch zum äußeren Ausdruck zu verhelfen, daß man dem ,,Zwar" und dem ,,Aber" die richtige Stellung anweist. Ist es doch kein Zweifel, daß es Aufgabe des ethischen Menschen ist, nach Möglichkeit die günstigere Wirkung seiner Handlungen und Äußerungen anzustreben. Namentlich ist dies natürlich dort der Fall, wo die Wahl der verschiedenen Wirkungsweise gänzlich oder großenteils in das Belieben des Betreffenden gestellt ist. Solche Fälle treten uns im täglichen Leben in Hülle und Fülle entgegen, ja ich möchte sogar glauben, daß in den weitaus meisten Angelegenheiten, wo es sich um Entschlüsse oder Wertungen handelt, den entscheidenden Einfluß nieh/1der küblwägendc Verstand ausübt, sondern eben jene innere seelische Stellungnahme. Oder, um es anders auszudrücken: Bei allem, was uns trifft oder uns entgegentritt, bei Sorge und Wohlbefinden, Lust und Schmerz, ja bei der Beurteilung unserer Umgebung, kommt es nicht so sehr darauf an, welcher Art das uns entgegentretende Erlebnis ist, sondern weit mehr darauf, wie wir uns dazu stellen, wohin wir bei jedem Ding, das bekanntlich seine zwei Seiten haf, den Ton, den Nachdruck verlegen. Um gleich zu einem praktischen Beispiel überzugehen, möchte ich ein solches wählen, das uns in gewisser Weise nahesteht: Jemand wird aufgefordert, für einen bestimmten Zweck eine Tätigkeit zu entfalten, nehmen wir nur an, bei einer Sitzung zu erscheinen. Is* der Betreffende ein beschäftigter Mann, so ist es sein Erstes zu erklären: „Der Zweck ist zwar wunderschön, es sollte unbedingt etwas getan werden, aber ich habe absolut keine Zeit." Ich will gar nicht erst davor sprechen, wieviel Zeit der Betreffende sonst für Befriedigung verschiedener Bedürfnisse und für allerlei Liebhabereien findet; ich will nur darauf hinweisen, daß es einer bloßen Umstellung seines Entschuldigungssa^zes bedarf: „Ich habe zwar sehr wenig Zeit..