B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 3 (3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 49 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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49 Jahrhunderte hindurch währende Diskussion über dieses Buch. Aber auch alle weitere Geschichte des jüdischen Volkes kann von innen aus als eine fortgesetzte Diskussion über die Bibel angesehen werden. Die elf Bände Graetz mit ihren ausführlichen Darstellungen unserer Wanderungen und unserer Leiden sollen uns nicht irreführen. Unsere wahre Geschichte, unser Recht überhaupt, von einer Geschichte der Juden bis auf den heutigen Tag zu sprechen, beruht einzig und allein auf diesem Buche. Nicht, daß wir es einmal der Welt geschenkt haben, gibt uns unser Recht auf unsere geschichtliche Existenz, diese würde sich tatsächlich als dasjenige darstellen, als was sie Renan bezeichnet hat, nämlich als eine Grille des jüdischen Volkes, wenn wir nicht immer wieder jenes Buch von neuem zu unserem innersten Besitz zu machen den Willen und die Kraft aufbringen. Alle aufsteigenden Epochen unserer Geschichte sind durch ein neues Verhältnis zu ihm gekennzeichnet. Schon in der Bibel selbst finden wir Beispiele einer solchen Wiederbesinnung auf einzelne ihrer Teile die, wie immer es sich mit dem historischen Kern des Erzählten verhält, uns S37mbolliaft aufs tiefste ergreifen dürfen. Ich erinnere nur an die Auffindung des Denteronomiums unter König Josia und an die Vorlesung des Gesetzes unter Esra. Und als für die deutschen Juden die Ghettomauern fielen, da zogen diese in d1'e allgemeine europäische Kultur durch das Siegestor der Mendelssohn - sehen Bibelübersetzung ein. »Soll sich darum unser, in neuester Zeit mit besonderer Kraft wieder erwachte Wille zum Judentum vor der Geschichte beglaubigen, dann muß sich dies an einem neuen Verhältnis zur Bibel erweisen. Nicht um die Frage der Gläubigkeit handelt es sich dabei. Worum es sich h a n d e 11, ist die Frage, ob wir noch so viel Zusammenhang mit Überlieferung und Geschichte besitzen, ran dieses Buch zu lesen, nicht wie wir Homer oder eine moderne Ausgabe von Lj- Tai-Pe lesen, sondern um es zu lesen als das Buch, in dem unser Innerlichstes wesenhaft geworden ist, derart, daß es uns Rede und Antwort gibt, daß aber auch wir ihm Rede und Antwort geben können über dieses unser innerstes Wesen; darum handelt es sich, daß wir es als das Buch erkennen., auf dem unser Rech+' auf unser geschichtliches Sonderdasein beruht und das darum ste+s von neuem hineingestellt werden muß in den Strom unserer geschichtlichen Entwicklung als das Buch, aus dem wir uns immer wieder die großen Züge unserer heroischen Vergangenheit gegenwärtig mach er müssen, um daraus die Sicherheit zu gewinnen für die Gegenwart und den Glauben an die Zukunft; kurz: darum handelt es sich, ob wir noch Juden sind in dem Sinne, in welchem wir dies nicht als Einzelne, wohl aber als Gesamtepoche dereinst zu verantworten haben werden vor dem Forum unserer Geschichte.