B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 3 (3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Jene unzähligen Exemplare bestehen, ja mehr, sie werden auch von Unzähligen gelesen und gewürdigt. Aber gerade unseren Händen is+ sie entglitten und unserer Seele ist sie fremd geworden. Wie ein altes Schulbuch, cem wir uns ganz entwachsen wähnten, haben wir sie zur Seite geworfen, gerade zu der Zeit, da alle anderen sich nur umso mehr um ihr tieferes Verständnis bemühten. Nun aber ist mit dem neu erwachten Willen zum Judentum auch in uns der Wunsch mächtig geworden, jenes Buch wieder vorzunehmen. Dürfen wir dies mit gutem Gewissen in unserer Muttersprache tun oder hat es nur einen Wert in der klassischen Sprache der Urschrift? Ich glaube, wir haben dermalen keine Wahl Wir begrüßen alle Bestrebungen zur Erneuerung des Hebräischen aufs freudigste, einstweilen werden wir aber doch die Bibel in der Sprache lesen müssen, in der sie uns allein noch zugänglich ist. Wir wollen aber auch noch ein anderes wagen. Wir wollen die Bibel gemeinsam lesen, aber nicht chronologisch, auch nicht systematisch, sondern in Auswahl und scheinbar nach Willkür. Wir werden darum vielleicht erst spät oder gar nicht zu dem Worte im /.weiten Buche Mosis kommen: Ziehe deine Schuhe aus. denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden!" Admas kaudesch hu! Das Wort „kodausch" bedeutet seiner Grundbedeutung nach: abgesondert, abgesondert von allem Profanen. Und dessen wollen wir uns vor allem bewußt sein: das Buch, das wir da vornehmen, steht völlig jenseits aller sonstigen Literatur, die heute noch lebendig ist; selbst, wenn wir an deren Gipfel, an Oedipus, Hamlet oder Faust denken, denken wir an Bücher ganz anderer Art. Hier in der Bibel tönen Urworte zu uns herüber, Patriarchenluft umweht uns, aus den Bergen spricht es zu den Menschen und diese stehen selbst da wie die Berge, groß und ragend und die Zeilen überdauernd. Und die Sprache dieses Buches ist, auch wenn wir es in deutscher Übersetzung lesen, von der Sprache, die wir sonst vernehmen, durchaus verschieden. Sie wird uns vorerst notwendig wie eine fremde vorkommen, sie darf es aber nicht bleiben, sonst stünde es schlimm um diesen unsern Versuch. Denn auch insofern stehen wir hier auf admas kaudesch, als wir erkennen müssen, daß es unser eigenster, abgesondertster Boden ist, auf dem uns in grauer Vorzeit schon die Offenbarung unseres Wesens wurde und auf dem sie uns immer wieder werden kann und soll. Ich spreche immer von einem Buche, obzwar es sich selbst schon als eine Sammlung von Büchern gibt und obzwar die Wissenschaft, woran wir im einzelnen selbstverständlich nicht werden vorübergehen können und dürfen, noch eine Anzahl anderer Bücher und Zusammenarbei+ungen von Büchern darin festgestellt hat. Für uns Juden ist es dennoch ein Buch geworden und geblieben, nicht durch die Kunst des Buchbinders, sondern durch den Spruch der Geschichte. Wie ein Einzelner vielleicht sich seine Dieblingsbücher und Dieblingsstellen zusammenklebt und sich daraus ein neues Buch, sein Buch, zusammenstellt, mit dem und i n dem er fortan lebt, so hat sich der jüdische Stamm dieses Buch der Bücher zusammengestellt, um mi t ihm und i n ihm zu leben. Misch na und Talmud sind nichts als eine