B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 1 (1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Daseins umgibt uns und versperrt uns den Ausblick in die zukünftige Menschheitsentwicklung urd darum soll und darf es für uns nicht zum Streitobjekte werden, auf welchem Wege sich der geistige und sittliche Fortschritt, an den wir doch alle glauben, vollziehen wird. Wohlan, Es eifre jeder seiner unbestoc henen, Von Vorurteilen freien Liebe nach. Das können und sollen wir auf dem gemeinsamen Wirkungsfelde unseies Bundes. Die uns als Juden gemäße Richtschnui für unsere Betätigung können wir in Max Brods Unterscheidung von edlem und unedlem Unglück finden. Er erkennt in dieser Unterscheidung das Charakteristikum des jüdischen Weltgefühls und, indem er im edlen Unglück das unabwendbare, im unedlen das abwendbare erblickt, weist er uns den Weg unserer Pflicht. „Was ist edles Unglück? Der kleine Mensch, seinem absoluten unendlichen Gott gegenüber gesehen — die Gefahr, bei dieser Konfrontation als ein Nichts hinzusinken." Es gibt aber „ein Elend, das in die Macht des Menschen, in seinen Willen" gestellt ist, dem ,,er abhelfen kann und dem abzuhelfen (aus dem Können ergibt sich sofort das Sollen) ein Teil seiner Bestimmung ist". Diese als unedles Unglück bezeichneten Schicksalsfügungen sind abwendbar, und nach M a x B r o d ist es dem Judentum eigentümlich, daß es den Menschen mit nicht zu überbietender Eindringlichkeit auf seine Sendung unter Menschen (Kampf gegen das unedle Unglück) hinweist. Aus dieser Eigenart des Judentums erscheint mir der B'nai B'rith-Gedanken entsprossen und von diesem Standpunkte aus ist auch der Verzicht unseres Bundes auf die Behandlung religiöser Angelegenheiten leicht zu verstehen. Das abwendbare Leid ist das Wirkungsfeld unserer Tätigkeit als B'nai B'rith und wir finden auch in den im Rituale niedergelegten Pflichten von der Pflicht an, die Not der Armen und Düiftigen zu lindern, unsere Aufgaben gegen das abwendbare Leid genannt. Allein wie zwischen edlem und unedlem Unglück keine scharfe Grenze gezogen werden kann, so greift auch unsere erste Pflicht, d^n geistigen und sittlichen Charakter unseres Stammes weiter zu entwickeln und zu heben, hinüber in den Bei eich des edlen Leides, in unser leligiöses Verhältnis zu Welt und Schicksal. Wenn wir uns geistig und seelisch veredeln sollen, so müssen wir auch auf diesem Gebiete Berührungspunkte suchen und finden und zarteste Brücken bauen von Geist zu Geht und von Gemüt zu Gemüt. Für diese innigste und höchste Aufgabe aber bedaif es in weitestem Maße derjenigen Uneigennützigkeit, die sich auf Bruderliebe und Eintracht aufbaut. Liebe Brüder! Gehen wir in diesem Sinne an unsere Aufgaben, ^uche ein Jedei von uns in dem geistigen und sozialen Wirken der Loge sein Bestes zu geben, halten wir brüderlich zusammen für alles Wahre, Gute und Schöne, und ein Jeder von uns wird aus seiner Zugehörigkeit zum Bunde die besten Kräfte für seine persönliche Vervollkommnung ziehen. Daß diese wieder dem Ganzen — dem Bunde, dem Judentum und der Menschheit •— zugute kommen möge, ist an unserem heutigen Festtage mein tiefer, innigei Wunsch!