B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 1 (1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597528--0026-9597544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
J4 waren der Beginn des großen Bundes jüdischen Gemeingefühls, der diesen Charakter auch heute, da die deutschen, französischen, polnischen Juden Amerikaner geworden sind, nicht nur beibehalten, sondern vertieft und über die Welt verbreitet hat. Auch auf dem Kontinente hatte das jüdische Bewußtsein Gegenkräfte zu überwinden, die aus der politischen Entwicklung hervorgingen. Als der Orden in Deutschland Fuß faßte, war es das durch die Neugründung des Reiches entflammte Nationalgefübl, das, unterstützt von einem einzigartigen materiellen Aufschwünge, das jüdische Seelenleben bedrohte, und in Österreich gab die Aufloderung des Antisemitismus den Anstoß zur Gegenbewegung des jüdischen Nationalismus. In die Zeit der Auswirkung dieser Tendenzen fällt die Gründung unserei Loge, deren erste Anfänge vom Ausbruche des Weltkrieges überrascht wurden, um sodann nach Möglichkeit die bescheidenen Kräfte der jungen Vereinigung in den Dienst der Kriegs- und Nachkriegsaufgaben zu stellen. So stand die Tätigkeit der I/)ge bisher fast durchgängig im Zeichen des Krieges und des Umsturzes, einer politisch, ökonomisch und sozial bewegten Zeit ohnegleichen, die wahrlich darnach angetan war, unsere Kräfte und unser Denken derart zu zersplittern, daß der Ordensgedanke, kaum durch die Logengründung vertieft, Gefahr lief, an jener Bedeutung einzubüßen, die er im Leben des einzelnen Bruders erlangen muß, um seiner Bedeutung entsprechend wirken zu können und der Judenheit und jedem Bruder zum Segen zu gereichen. So hat es das äußere Weltenschicksal verhindert, daß wir heute, nach zehnjährigem Bestände der Loge, aaf eine ruhige Entwicklung, ein stetes organisches Wachsen zurückblicken können. Andererseits jedoch haben uns die durch dieses Schicksal bereiteten Schwierigkeiten angespornt und gestählt. Die heutige Feier möge der Anlaß sein, uns klar zu legen, auf welchen Zustand diese einander widerstreitenden Einflüsse uns gebracht haben, in welchem Grade die Grundsätze unseres Bundes in unser Wesen Eingang gefunden haben, wie wir das bei unseiem Eintritte abgelegte Gelöbnis erfüllten und was wir ihm noch schulden. Weder Lob noch Vorwurf, auch nicht die Kritik einzelner Handlungen sei unser Gegenstand, nur Einkehr und Erkenntnis, wüidig der Feier des Ordenstages und des Gedankens der Logengründung. Nicht nur, ob wir dem Leitspruche unseres Bundes: Wohltätigkeit, Brudeiliebe und Eintracht nach Kräften gerecht geworden sind, sondern mehr, ob wir den Geist und die Kraft dieses Leitspruches in ihrer ganzen Tiefe in uns geweckt haben, sei die Frage dieser Stunde und ihre Aufgabe, diesei Frage eine würdige Antwort /u finden. Unsere Religion und unsere Geschichte geben uns ein Recht, das Judentum als reines Menschentum zu erachten. Unser Bund legt uns die Pflicht auf, dieses Menschentum zu betätigen zum Wohle der Judenheit, zum Segen der Menschheit. Die Loge ist der Mittelpunkt des Betätigungsgebietes, auf welchem wir dieser Pflicht genügen, und jeder einzelne Bruder soll in seinem Fühlen und Handeln den Geist höheier Sittlichkeit bewähren. Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht sind nicht letzter Zweck unseres Bundes, sondern nur Werkzeug