B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 1 (1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Pflästerchen bedeckt, damit es nicht so unangenehm auffalle. Ein solcher Standpunkt ist aber nur berechtigt, wenn man sich Zuständen gegenüber befindet, die zu bessern man jede Hoffnung für immer aufzugeben gezwungen ist. Verhält es sich so mit unserem Streben nach „Höherführung der Menschheit"? Was bedeutet denn Höherführung der Menschheit? Nichts anderes als Umgestaltung des Zusammenlebens zum Zwecke besserer Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Gesamtheit, Schaffung von neuen Foimen des Zusammenlebens, welche den Individuen möglichste Selbständigkeit in ihrer eigenen Eebensgestaltung zum Zwecke höheren Glückes gewährleisten. Daß eine solche Neugestaltung des Verhältnisses der Menschen zu einander dringend nötig ist, lehrt die Betrachtung p der Gegenwart in eindringlichster Weise. Niemand kann die Not der heutigen Menschheit übersehen, niemand daran zweifeln, daß wir bisher ihren Umfang ebensowenig zu übersehen vermögen wie den Zeitpunkt ihres Endes. Weiß doch niemand, ob den schweren Tagen, { . die wir durchleben, nicht noch schwerere— für uns und unsere Kinder schwerere— folgen werden. Die Zeit ist eben wieder einmal aus den Fugen und wirtschaftliche Gesichtspunkte allein sind zweifellos außer Stande, sie wieder einzurenken. Es hilft nichts, die gegenwärtigen Zustände als gottgewollte zu betrachten und den Dingen einfach ihren I^auf zu lassen, ebensowenig, sein moralisches Roß zu tummeln und einem Sündenbock, den wir uns auswählen, die ganze Schuld an allem, was wir durchmachen, zuzuschieben. Mehr Wert hat es, sich um das Verständnis der gegenwärtigen Verwicklungen zu bemühen. Es wird das Verständnis dieser Zustände wesentlich fördern, wenn wii rie als die naturgemäße Folge vorher schon bestandener Zustände erfassen lernen. Die Beschaffenheit der Staaten in der unserer Zeit vorausgegangenen Epcche, ihre innerstaatlichen Einrichtungen und außer staatlichen Beziehungen, das geistige und moralische Verhalten der sie bildenden Individuen, die Stufe, auf der sich ihre wirtschaftliche Organisation befand — dieses und noch manches andere heischen Beachtung und Verständnis. Das sind die Kräfte, aus deren Zusammenspiel die Konstellation der Gegenwart erklärbar ist. Diese mannigfaltigen Kräfte organisatorisch zusammenzufassen und dauernd auf ein gemeinsames Ziel zu richten: auf die Beseitigung des gegenwärtigen Chaos, wäre die Aufgabe der heutigen Gesellschaft, eine nur mit dauernder Aufbietung ungeheurer Kräfte lösbare Aufgabe. Die Sammlung dieser Kräfte ist nur möglich unter geeigneter Führung, welche planmäßig, methodisch und konsequent vorgeht. Unsere früheren < * oder bisherigen Einrichtungen: Schule, Theater, Zeitungswesen und Schrifttum, reichen nicht aus. Auch Regierung und Abgeordnete sind keine geeigneten Führer, vielmehr selbst Geführte, geleitet von den Wünschen dei Parteigenossen, denen sie sich aus Gründen der \ t Selbsterhaltung unterwerfen. Und doch kann man nicht zweifeln, daß die bisherigen Führer, nämlich die dunkeln Instinkte der heute noch als im Kindheitsstadium befindlich zu betrachtenden Massen, die Erfüllungihrer Wünsche heischen, und ebenso die unklaren Vorstellungen, die als Schlagwort und Massensuggestion nicht selten in verderblichster Weise sich auswirken, abgelöst werden müssen durch geeignetere Führer, nämlich durch richtigere Vorstellungen über die wichtigsten Erfordernisse des menschlichen Zu-