B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 1 (1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sammenlebens. Dies ist nur zu erreichen, wenn mitten aus dem Volke eine intensive, nicht mehr zum Stillstand kommende Aufklärungsarbeit einsetzt, welche dahin wirkt, daß schließlich der ganzen Bevölkerung die wichtigsten sittlichen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in Fleisch und Blut übergehen. Das ist ein fernes, hohes Ziel, aber notwendig, ihm nachzustreben, wenn wir das soziale Leben aktiv nach den Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft gestalten, die Völker selbst wirklich Herren ihres Schicksals werden wollen. Diesem Ziele kommt die Einrichtung der Ethischen Gesellschaften entgegen, die ebenso wie unsere B'nai B'rith-Vereinigungen ihren Ausgangspunkt von Amerika genommen haben. Dem internationalen Bedürfnisse entsprechend haben sich seit der Gründung der ersten dieser Gesellschaften (1876 in New-York) im Laufe der Zeit deraitige Vereinigungen in den meisten Kulturstaaten entwickelt, unter anderm auch in Deutschland und Österreich, wo Männer von hervorragendem Rufe, wie Georg v. G i zy cki und Friedrich J o d 1 sie begründeten. Daß die Förderung derartiger Bestrebungen nicht von oben herab, von den Regierungen, erwaitet werden dürfe, lehrt die Geschichte der Ethischen Gesellschaft in Wien. Jahrelang suchte man ihre Gründung durch Verbote zu verhindern und, als sie — nach zehnjährigen Bemühungen — sich endlich die Regierung günstig gestimmt hatte, war eine Spende von 100 Kronen die einzige Hilfe, die man ihr angedeihen ließ. In Prag haben die Bestrebungen der Ethischen Gesellschaft erst in neuester Zeit Wurzel gefaßt. Es mußte erst ein Sturm durch die Lande fegen, wie er noch niemals dagewesen, jener Sturm des Weltkrieges, dei uns noch heute in den Gliedern liegt und uns den Atem raubt. Im Jahre 1920 wurde auf Initiative Prof. Dr. Münzers die Deutsche Gesellschaft für sittliche Erziehung nach dem Muster der obgenannten Ethischen Gesellschaften gegründet, mit dem Ziele, sittliche Grundsätze in allen Schichten der Bevölkerung zu verbreiten und die sittliche Erziehung in der Schule zu verbessern. Die Mittel, die diesen Zwecken dienen sollen, sind Vorträge über Fragen der Ethik, Beförderung der sittlich wertvollen Jugendbewegungen, Bestrebungen füi die Einführung der Lebenskunde als Unterrichtsgegenstand, Ausbildung von Wanderlehrern und Fürsorgeschwestern in sozialer Ethik, Schaffung einer Bücherei zu Studiumzwecken für Mitglieder, unentgeltliche Verteilung der von der Gesellschaft ausgegebenen Mitteilungen betreffend Fragen sittlicher Erziehung an die Mitglieder und a. m. In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat die Deutsche Gesellschaft für sittliche Erziehung unzweifelhafte Erfolge aufzuweisen, die sich ebenso in der Beteiligung weiter Bevölkerungskreise an ihren Veranstaltungen wie in der Lebhaftigkeit der den Vorträgen folgenden Diskussionen kundgeben. Dennoch steht sie erst am Anfange ihrer Aufgabe. Sie bedarf zu deren Erfüllung lebhaftester Teilnahme der gesamten Öffentlichkeit und muß die breitesten Schichten der Bevölkerung zum Durchdenken ihrer wichtigen Probleme anregen können. Wer aber wäre mehr berufen, sie bei dieser Tätigkeit aktiv und nicht nur durch Mitgliedsbeiträge zu unterstützen, als gerade unsere B'nai B'rith-Vereinigungen, welche, wenn auch von anderem Ausgangspunkte kommend und auf anderen Wegen weiterschreitend, doch dem gleichen Ziele zustreben: der Höherentwicklung mensch-