Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 17 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9607695-9607705-9597511--87-9597514- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 79 — Die Lehrerkonferenzen. Bericht über die 17. General-Versammlung des isr. Lehrervereiiis für das Königreich Bayern. Schluss. Wie aber, wenn die Schaffenskraft erlahmt und das Lebensmark aufgezehrt ist? Wenn Schwäche, Hinfälligkeit oder Krankheit den emsigen Arbeiter den Spaten der schaffenden Hand entwinden? Nun, da wirft man den Invaliden, so sei es heutzutage Brauch, ohne Gewissensskrupel zum S alten Eisen und sucht Ersatz in einer jungen Kraft. Von Versorgung der Hinterbliebenen, wenn etwa der Ernährer der Familie frühzeitig entrissen werden sollte, sei ohnehin keine Bede. Sei das nicht ein Baub- und Plündersystem im höchsten Grade? Erst die Kraft bis zur Erschöpfung ausgenützt — und dann als wertlosen Gegenstand unbeachtet bei Seite gesetzt! Gewiss, der geringste Tagelöhner erfreut sich hier einer besseren Stellung. Wenn er das 70. Lebensjahr erreicht, erhält er eine Altersrente und im Krankheitsfalle aus der Kranken Versicherungskasse eine angemessene Unterstützung. Wahrlich, wir schauen hier in ein Meer von Elend, wie es tiefer nicht gedacht werden kann Das wüssten wir wohl, dass den Landgemeinden, die immer mehr zu Zwerggemeinden zusammenschrumpfen, nicht zugemutet werden könne, ausser dem Gehalte für ihren aktiven Lehrer auch noch den Buhegehalt für den Dienstunfähigen aufzubringen, bezw. dessen Belikten in ausgiebiger Weise unter die Arme zu greifen. Ein anderer Faktor jedoch sollte hier zur Steuer des Elends in die Schranken treten und das ist der Staat. Der Beligionslehrer erfülle unbestritten eine hoch-bedeutsame Kulturaufgabe. Der erste und vornehmste Unterrichtsgegenstand der Schule, der Religionsunterricht, sei seine Lebensaufgabe. Er feiste dem Staat einen wichtigen Dienst, indem er lim religiöse, moralisch sittlich-gute Menschen erziehen helfe, und doch — diese Missachtung seiner Leistungen. Ein Grund hievon sei jedenfalls darin zu suchen,^ass wir nur eine geringe Minorität im Staate bildeiL Das aber werde nicht bedacht, dass auch wenige, ^irreligiös erzogene und sittlich verkommene Menschen Unheil in Menge anrichten können. Die gegenwärtige Zeitströmung berechtige zwar nicht zu grossen Hoffnungen, aber wir Lehrer dürften das Hoffen nicht aufgeben. Wenn der Winter noch so lange daure, einmal müsse es doch Frühling werden, einmal müssedoch das Morgenrot einer glücklicheren Zukunft anbrechen! Was im benachbarten Württemberg schon lange Thatsache ist, sollte bei uns ein Ding der Unmöglichkeit sein? Gewiss nicht. Es bedürfe nur des guten Willens. Bis es aber dahin käme, müssten* wir den Hebel «ssfcrswo einsetzen, müssten auf einem anderen Punkt unsere Kräfte »konzentrieren, — und damit kam der Vortragende wieder auf den Ausgangspunkt seiner Erörternden zurück, auf den Verein. Er hob hervor, dass in richtiger Erkenntnis der traurigen Zustände es ein Schritt rettender That gewesen sei, als im Jahre 1879 ein aus sechs Mitgliedern bestehendes Komite eine Versammlung zur Gründung eines Vereins einberief, um, wie es hiess, durch ein inniges Aneinanderschliessen die meist auf kleinen Landgemeinden zerstreuten, mit Not kämpfenden, ganz auf sich angewiesenen Glieder des israe.itischen Lehrerstandes vor materiellem Verkommen und intellektueller Versumpfung zu bewahren. Beferent erörterte sodann das Verhältnis unseres Vereins zu dem bayerischen Volksschullehrervereine, weil in einer Polemik zwischen den Vorsitzenden dieses Vereins und dem des evangelischen Schulvereines mehrfach Bezug auf den israelitischen Lehrer verein genommen wurde, und kam zu dem Besultate, dass der israelitische Lehrerverein voll und ganz auf dem Standpunkte des bayerischen Volksschullehrervereins stehe und dessen Tendenzen, wie solche im § 1 seiner Satzungen niedergelegt sind — Förderung des bayerischen Volksschulwesens und Kräftigung des Volksschullehrerstandes — in keiner Weise widerstrebe. Es sei deshalb kein Grund vorhanden, die Mitglieder des isr. L.-V. soweit sie auch solche des bay. Yolksschullehrer - Vereins seien, von diesem auszuschliessen.*) Jn seinen weiteren Ausführungen kam der Vortragende zur Beantwortung der Frage: Was können und sollen wir thun. um für den Verein zu seinem weiteren Ausbau die nötigen Bausteine zu gewinnen? Eine solche Grundlage sei zwar geschaffen, aber zu einem stattlichen Ausbau fehle noch sehr viel. Wenn die Unterstützungsquote für eine Witwe oder einen dienstunfähigen Lehrer nur 100 Mk. betrage, so bedürfe es keiner weiteren Auseinandersetzung, dass diese Pension bei jeglichem Mangel an gemeindlichen oder staatlichen Zuschüssen zur Bestreitung auch der bescheidensten Lebensbedürfnisse kaum genügen könne. Und wenn wir nicht darauf bedacht seien, unserer Kasse erhebliche Einnahmen zuzuführen, so könnte leicht bei der sich immer steigernden Inanspruchnahme derselben der missliche Fall eintreten, die Unterstützungsteile wieder herabsetzen zu müssen — und welch bittere Enttäuschung das für die Empfänger wäre, leuchte wohl ein. Die erste und wichtigste Pflicht aller Kollegen sei daher, ihre Gemeinden für unseren Verein zu erwärmen und deren Sympathien für denselben zu erwerben. Es müsse den Gemeinden nahe gelegt werden, dass ihnen die moralische Pflicht obliege, wenigstens etwas zur Sicherstellung der Zukunft ihrer Lehrer und deren Hinterbliebenen beizutragen. Das ureigenste mteresse der Gemeinden erfordere diese Berücksichtigung, denn weniajf der Lehrer von dem Bewusstsein getragen werde, dass man seinen Leistungen auch insofern Anerkennung zolle, dass man dazu mithelfe, seinem Lebensabend nicht trost- und hoffnungslos entgegen sehen zu müssen, so werde er dann gewiss mit viel mehr Eifer und Schaffenslust sein Arbeitsgebiet bestellen, ja das Gefühl der Dankbarkeit werde ihn schon dazu anregen, das ihm entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen. Das Leben und Wirken des Lehrers selbst sei ein wichtiges Moment zur Gewinnung des Interesses an unserm Verein. Wenn der Lehrer keine Achtung *) Die Verhandlungen der am darauffolgenden Tage stattgefundenen Delegiertenversammlung des letztgenannten Vereins hatten in Wirklichkeit auch dieses Ergebnis