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Jeschurun · 1896-12-04 · 17 (4.12.1896) · p. Seite 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
17 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 fehlt auch nicht an Gelegenheit, gute Prediger zu hören. Hast du eine Predigt gehört oder gelesen, die dir gefällt, dann versuche sie für dich in deiner Weise wiederzugeben. Das kostet Mühe und Schweiss, wird dich zuerst mir wenig befriedigen; aber nur nicht den Mut verlieren, nur nicht nachlassen! Die Frage, ob die Predigt ehe sie gehalten wird, noch wörtlich aufzusetzen oder ob sie zu extemporieren sei, kommt für den Anfänger gar nicht in Betracht. Der Anfänger muss seine Predigt niederschreiben; dadurch bekommt er sie in seine Gewalt und verliert niemals die Herrschaft über sich und seinen Redestrom. Aus diesen Gründen möchte ich sogar dem geübten Prediger zur Niederschrift raten. Er hat dann auch mit dem Memorieren leichtes Spiel Der freie Vortrag ist aber unbedingt nötig: er erhöht den Eindruck der Bede in ungeahnter Weise. Ich höre, dass viele Prediger fremde Reden auswendig lernen und als ihr eigenstes Machwerk wiedergeben. Von allem andern abgesehen: ich bedauere diese Herren, dass sie sich in eine Zwangsjacke stecken und aller Subjektivität sich begeben. So etwas bringt der Phonograph auch fertig. Angestrengteste Arbeit ist auch dem Prediger nicht erspart. Aber wer sich müht, der darf auch die Früchte seines Mühens schauen. Jogati umozosi. J. E. A. Etwas vom Uebersetzungsuaterricht. Von M. Andorn. I. ״Die hebräische Sprache ist die religiöse Sprache. Wie es nicht gelingen wird, eine neue Religion zu finden, die besser imstande wäre als die jüdische, das Bedürfnis des menschlichen Herzens zu befriedigen, so wird man auch keine Sprache zurecht machen können welche göttliche Dinge entsprechender ausdrücken könnte. Wie ein Gedicht nur in der Sprache des Dichters ganz ausdrückt, was die Seele des Dichters wollte, so hat der Geist nur eine Sprache, die ihm gänzlich entspricht, das ist die hebräische Sprache/‘ Voll und ganz können wir in diesen Ausspruch eines christlichen Gelehrten (R. F. Grau) einstimmen mit der Hinzufügung, dass die hebräische Sprache das unsichtbare, geistige Band bildet, welches die Glaubensbrüder auf dem weiten Erdenrunde umschlingt, und nur weil in allen Gotteshäusern Israels die alten ehrwürdigen Laute des Psalmisten und der Propheten ertönen, können wir auch in dem fernen fremden Lande an dem Gottesdienste unserer Glaubensbrüder teilnehmen. Blicken wir zunächst einmal auf die Geschichte des wichtigsten Teils desselben — auf die des Gebetes. Im biblischen Judentum erscheint das Beten nicht als Gebot, nicht als vorgeschriebene gottesdienstliche Pflicht. Hier fliesst es aus den Tiefen des Herzens und ist ein freier Erguss eines frommen, gotterfüllten und gottergebenen Gemütes, welches Hilfe und Beistand in Not und Bedrängnis, Vergebung und Tilgung der anerkannten und bereuten Schuld bei dem allerbarmenden Vater sucht, das in der Erhebung zu Gott, in dem Preisen seiner Grösse und Ergebenheit, in der Ergebung in den Willen Gottes, des Lenkers menschlicher Schicksale die höchste Weihe — den süssesten Trost findet. Bitte, Lob und Bekenntnis bilden die so oft wiederkehrenden Akkorde in den alten hebräischen Gesängen und Liedern, das einzelne gewöhnlich תפלה genannt, das nicht nur Gebet — Bittgebet, sondern auch Lob — Lobgesang bedeutet; denken wir nur an das stille inbrünstige Gebet der frommen Hanna, das Muster für alle Zeiten wurde, oder das des Propheten Jona — das heute noch in jedem fühlenden, religiös gebildeten Herzen wiederhallt. So sehr aber auch die erhebende und heiligende Kraft des Gebetes im biblischen Altertum verstanden und gewürdigt ward, war es doch mehr Sache des Einzelnen — des andächtig Gott Preisenden und Anrufenden als Gegenstand der Gemeinde und Gesamtheit, welche sich nur bei ausserordentlichen Gelegenheiten — an Festen und Fasttagen zu gemeinsamem Zwecke der Erbauung zu versammeln pflegte. Erst während des Aufenthalts in Babel scheint die Opfer und Altar entbehrende Gemeinde den Wert gemeinsamer Erbauung mehr gewürdigt zu haben, und daher he'isst das zu erbauende Heiligtum gewöhnlich in der damaligen Zeit יבית תפלה ein© Benennung, deren sich ältere Autoren nie bedienen, und welche nach der Wiederherstellung des Tempels- und Opferdienstes wieder verschwindet. Die Betenden in Babel richteten ihr Angesicht nach Jerusalem, als wenn die Stätte, wo einst der Tempel stand, noch Heiligkeit hätte und von dort aus gnadenreiches Erhören zu erwarten wäre. Dreimal des Tages versammelten sie sich in einer grösseren oder geringeren Zahl, welche eine Gemeinde bildete. Das Buch Daniel erzählt uns (Kap. 6 11.) von dem dreimaligen täglichen Gebete Daniels, seiner Stellung bei demselben und die daraus entstehenden Folgen für ihn. Ebenso nun wie wir den Uebergang aus der biblischen in die rabbinische Denk- und Empfindungsweise in den jüngeren Büchern der heiligen Schrift begegnen, so lässt sich auch dieser Uebergang in der Entwickelungsgeschichte des Gebetes nachweisen. Die Einrichtung unserer heutigen Gebetordnung stammt von den Männern der grossen Synode, welche während und nach der Zerstörung des ersten Tempels lebten. Von dieser Zeit an — im rabbinischen Judentum nämlich — erscheint das Gebet als Er״ füllung einer gebotenen Pflicht, als Oeremonie, als Beobachtung eines vorgeschriebenen Gebotes, wobei aber sehr nachdrücklich auf innere Andacht, auf Geistes- und Gemütserhebung gedrungen wird. ״Ein Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele“ und ״Besser wenig beten mit Andacht als viel ohne Andacht“ sind geflügelte Worte aus jener Zeit. In allen älteren Stücken unserer Liturgie lebt daher ein reiner frommer Sinn,, der sich auf eine einfache, kindliche Weise ausspricht, und in welchen der gesamte Glaubensinhalt des Judentums, den ihm Bibel und Talmud gegeben haben, Ausdruck gefunden hat. Manches Unpassende in diesen Gebeten ist spätere Zuthat und aus Missverstand stereotyp geworden, wie dieses namentlich von dem vielgesprochenen ולמלשינים der Fall ist, das aus der Hochschule zu Jabneh stammt und gegen die Epikuräer gerichtet wurde. (Schluss folgt.)

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