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Jeschurun · 1896-12-04 · 17 (4.12.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
17 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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•,;..'•"->; ■•: . . ^^MMM <f^mimmw*w Jeschnrnu. Halbmonatsschrift für Pädagogik, Homiletik und Litteratur. (Beilage zur Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift.) Xo. 17. Berlin, 4. Dezember. 1896. Inhalt: Die Kunst zu predigen. Von J. E. A Etwas vom Uebersetzungsunterricht. I. Von M. Andorn. Die Lehrerkonferenzen. — Litterarische Anzeigen. Die Kunst zu predigen. Von einem Rabbiner. Ist das Predigen eine Kunst? Wenn es wahr ist, dass, was jeder kann, keine Kunst ist, dann dürfte es schwer fallen, das Predigen unter die Künste zu zählen. Denn es predigt jeder: der Prediger von Beruf, der Lehrer, der Kantor, der Schächter und wer sonst das Bedürfnis fühlt oder die Veranlassung zu haben glaubt, eine religiöse Rede zu reden. Aber es kommt doch nicht blos darauf an, der Rede ein religiöses Gepräge zu geben, damit die Predigt farbig ist, und soviel auch Zeit und Anlass und Umgebung auf die Stimmung und die Haltuug des Redners und der Zuhörer einwirken, das ,,Milieu" macht noch nicht den Prediger. Nein . . . das Predigen ist eine Kunst und die wahre Predigt muss, ganz abgesehen von ihrer Wirkung, ein Kunstwerk im ernsten Sinne des Wortes sein. Dabei handelt es sich gar nicht einmal darum, dass alle Regeln der Homiletik, wie man die Lehre von der religiösen Rede nennt, peinlich genau befolgt sind. Die Homiletik ist eine abgeleitete Wissenschaft: sie ist nicht das Ursprüngliche. Zuerst waren die Prediger da, und aus der eingehenden Beobachtung ihres Verfahrens entstand die Homiletik als Lehre der religiösen Redekunst. Da wurden dann die Gesetze geschaffen über den Aufbau der Predigt, über ihre Ank, lüpfung an das Bibelwort, über Einleitung und Ausführung, über Text- und thematische Predigten und was man alles in den Lehrbüchern der Homiletik zu lesen bekommt. Die Homiletik ist ein Zweig der allgemeinen Redekunst, für sie gelten dieselben Gesetze wie für diese und nur ihre Besonderheit als religiöse Rede macht besondere Vorschriften nötig. Alle Kunst ist eine durch Uebung erlangte Geschicklichkeit und Fertigkeit, und die Thatsache, dass es zahlreiche Lehrbücher der Homiletik giebt, beweist, dass das Predigen eine Kunst ist, die sich lernen las st. Das mag ein Trost sein für viele, die berufen sind zu predigen und doch an ihrer Befähigung dazu zweifeln möchten. Das Predigen lässt sich erlernen, es fragt sich nur, wie man es anzustellen hat. Soll man sich in ein Lehrbuch der Homiletik vertiefen? Das schadet gewiss nichts. Aber ich möchte doch bezweifeln, dass einer aus dem Studium eines homiletischen Handbuchs zum Prediger sich heranbildet. Gewisse wertvolle Fingerzeige wird er daraus entnehmen, auf Aeusserlichkeiten sich hingewiesen finden, aber hier macht der Ton nicht die Musik. Wer über irgend ein Thema reden will, so dass sein Gerede einen Wert habe, der muss seinen Gegenstand beherrschen und von ihm durchdrungen sein So muss der Prediger in der Religion und ihren Lehren bewandert sein und das, was er seinem Publikum bietet, muss in ihm selbst leben und wirken. Eine Predigt, der man anmerkt, dass sie nicht aus der religiösen Ueberzeugung des Redners heraus entstanden ist, hat von vornherein ihren Zweck verfehlt und mag vielleicht als pathetische Deklamation Anerkennung finden Das religiöse Wissen allein macht noch keine Predigt. Es giebt freilich Prediger genug, die meinen, wenn sie recht viel zitieren, mit ihren Kenntnissen in Bibel und Talmud und Midraschim prunken, dann hätten sie Vortreffliches geleistet. Aber sie irren. Gerade dieses Wissen darf nur in sehr bescheidenem Masse verwertet werden. Unser heutiges Publikum hat dafür nur ein sehr geringes Mass von Verständnis und verlangt von dem Prediger mit Recht, dass er den Bedürfnissen und dem Geschmacke der Zeit sich >anpasse, dass er modern rede. Ja, der Prediger muss modern sein. Glücklicher weise sind alle Lehren unserer Religion derart, dass sie in modernstem Gewände sich vortragen lassen und am Eindruck nur gewinnen, wenn sie in modernstem Gewände erscheinen. Dadurch ist auch der Stil der Predigt bedingt. Es giebt Kanzelredner, welche in ihren Predigten einen ganzen Blumengarten ausplündern, der Unverständige wird von dem überwältigenden Duft betäubt, der Redeschwall und das Phrasengeklingel verwirren seine Sinne, aber er bleibt von alledem so dumm, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum. Sei sparsam mit deinen Blumen und rede so, wie andere Menschen auch reden; nur vergiss nicht, worüber und wo du redest: Dann wird deine Sprache von selbst eine gehobene. Vergiss auch nicht den Zweck deiner Rede, damit du dich und deine Zuhörer nicht mit der Langeweile quälst. Nicht alles, was dir interessant ist, ist es auch dem Hörer, aber du kannst es dem Hörer durch eine Darstellung interessant machen. Und wenn du Fragen behandelst, die in der Zeit liegen und den Hörer beschäftigen, dann bist du immer interessant. Das ist alles ganz schön. Aber wie kann ich's erlernen? Nun wie jede andere Kunst sich erlernen lässt. Schaue auf die Meister, wie sie's treiben. Es giebt gedruckte gute Predigten gerade genug, und es

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