Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 16 (15.11.1896)
- Date
- 1896-11-15
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9607695-9607705-9597506--82-9597509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 75 — und Ausspruch; verbreitet dass zu den Hauptpflichten eines Lehrers auch die zähle, Vaterlandsliebe, Treue und Ehrfurcht zu dem angestammten Herrscherhause und zu dem Träger der Krone in der Kinder zartes und darum empfängliches Herz zu pflanzen. Gerne und freudig erfüllten auch wir diese Pflicht, denn wir hätten alle Ursache, mit den Gefühlen unauslöschlicher Liebe und flammender Begeisterung zu dem edlen Spross an der mächtigen Wittelsbacher Eiche emporzuschauen. In der gegenwärtigen Zeitströmung, wo die Hydra des Glaubens- und Rassenhasses in so vielen Staaten Europas kühn ihr Haupt erhebt und die traurigen und finsteren Zeiten des Mittelalters heraufbeschwören möchte, da sei es doppelt wohlthuend, dass in unserem geliebten Bayernlande unter der wohlwollenden Regierung unseres erhabenen Prinzregenten, dessen Yaterherz alle seine Unterthanen ohne Rücksicht auf die Glaubenszugehörigkeit mit gleicher Liebe umfasst und unter dessen gerechtem und unparteiischem Beamtenstande jene Giftpflanze keinen Nährboden finden könnte. Die Versammlung gab hierauf den Gefühlen aufrichtigster Dankbarkeit, unwandelbarer Treue und ehrfurchtsvoller Liebe lauten Ausdruck und brachte unserm geliebten Prinzregenten begeisternd ein dreifaches Hoch aus. Der Vorsitzende entrollte hierauf ein kurzes Bild des Vereins, von dem, was die Verwaltung im verflossenen Vereinsjahre gewirkt und angestrebt. Man dürfe jedoch vor allem nicht ausser Augenmerk lassen, dass der Thätigkeit der jüdischen Lehrer, die auf Hebung und Besserstellung des Religionslehrerstandes durch den Staat abzielt, sehr enge Grenzen gezogen seien. "Wir müssten leider bekennen, dass unter allen Kategorien des Lehrerstandes, mögen sie heissen wie sie wollen, der der isr. Religionslehrer sich auf der untersten Stufe der Anerkennung und Wertschätzung befände und sich der geringsten Fürsorge von Staatswegen zu erfreuen habe. Die Kollegen werden deshalb das Mass ihrer Anforderungen nicht zu hoch schrauben. Uebrigens könne die Verwaltung ruhig die Versicherung abgeben, dass sie zur Wohlfahrt und Kräftigung unseres Vereins gethah, soweit es das bescheidene Mass ihrer Kräfte ermöglichte, wobei ihr jedoch die Erkenntnis der Thatsache vorschwebe, dass alles menschliche Können und Schaffen den Stempel der UnVollkommenheit an sich trage. Die Vorstandschaft könne heute mit dem Bewusstsein redlich gethaner Pflicht das Mandat wieder zurückgeben, womit das Vertrauen der Mitglieder sie* bisher beehrt hat. Unser am 6. Oktober 1879 zu Würzburg von 40 Lehrern gegründeter Verein zähle heute 150 Mitglieder; es sei dies weitaus die Mehrzahl der in Bayern angestellten Lehrer, wobei in Betracht zu ziehen sei, dass manche Kollegen, die. sich anfangs ablehnend verhielten , jetzt nicht mehr beitreten können, weil sie die satzungsgemäss festgesetzte Altersgrenze von 45 Jahren überschritten, während manche jüngere Kollegen sich noch zuwartend verhalten, weil die Nachzahlungen erst mit dem 22. Lebensjahre beginnen. Unter Hinweis auf das schöne Wort Hillels jO UHSnSN mahnte der Vorsitzende die noch ausserhalb des Vereins Stehenden sich demselben anzuschliessen. da er ja der Träger und Pfleger der reinsten Humanität sei und sich die vornehmste Blüte edler Menschenliebe, das ist die Unterstützung von Witwen und Waisen, zur" Aufgabe gemacht. Seit dem Bestehen des Vereins verlor derselbe durch den Tod 26 Mitglieder. Auch in diesem Jahre ging ein wackerer Kollege zur ewigen Ruhe, Lehrer Eschwege in Karbach. Dem heimgegangenen, unter der kühlen Erde gebetteten Kollegen weihte "die Versammlung ein ehrendes Andenken, indem sie sich von ihren Sitzen erhob. Den materiellen Stand unseres Vereins anlangend, beträgt das Gesamtvermögen rund 36 000 Mark. Der Vorsitzende konstatierte mit Genugthuung, dass das Vermögen trotz der gesteigerten Ausgaben in den letzten Jahren sich einer ansehnlichen Mehrung zu erfreuen habe. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ausgaben im progressiven- Steigen begriffen seien. Sie beliefen sich im Jahre 1885 auf 312 Mark und im Jahre 1895 auf 2485 Mark. Die Zahl der ausserordentlichen Mitglieder stieg von 57 im ersten Vereinsjahre auf 580 im jüngst verflossenen. Diese Zunahme sei ein erfreulicher Beweis, dass die Sympathien für unseren Verein in immer weitere Kreise gedrungen. Die verhältnismässig geringe Zahl sei aber auch dafür ein Beweis, dass hier noch weite Flächen sterilen Bodens der Bebauung harren. Möchten sich doch die Kollegen als treue Pioniere auf diesem Kulturgebiete bewähren. Die Devise unseres Vereins heisse ..Selbsthilfe", und in dieser Richtung müssten sich unsere Bemühungen konzentrieren; denn alle Schritte der Verwaltung zur Versorgung der Relikten und der dienstunfähigen Religionslehrer, wie die Zulassung zu den staatlichen Lehrerwitwen- und Waisenkassen der Volkschullehrer oder zu deren Pensionskassen wurden vom königlichen Staatsministerium resp. der königlichen Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg abschlägig beschieden. Auch ein Lotterieunternehmen zur Hebung der Vereinskasse, zu welchem die Verwaltung alle Vorarbeiten erledigt hatte, und das durch die wohlwollendste Empfehlung seitens der königlichen Regierung von Unterfranken unterstützt worden, erhielt die Genehmigung des königlichen Staatsministeriums nicht. Auf diese zerstörte Hoffnung sei des Dichters Wort anwendbar: „Es fliegen unsere Hoffnungen, die schönen Vögel, Hoch, jedoch, wenn sie am höchsten fliegen, In reinster Himmelsluft sich wiegen, Woselbst der Adlerflug bereits ein träger, Da kommt die Wirklichkeit, der finstere Jäger Und schiesst sie herab." Nachdem der Vorsitzende noch einige interne Angelegenheiten zur Sprache gebracht, schloss er seine Berichterstattung mit den Worten: „So ist denn abermals ein Jahr in den Schoss der Vergangenheit dahin gerollt, dahin mit seinen Leiden und Freuden, mit seinen wenig erfüllten, aber umsomehr unerfüllten Hoffnungen." Wieder seien wir dem Ende des Jahrhunderts um einen Schritt näher gekommen, ob auch näher dem Ziele? Zur Beherzigung diene I