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Jeschurun · 1896-11-06 · 15 (6.11.1896) · p. Seite 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
15 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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— 71 — Deutschlands aus geistiger Knechtschaft mitgeteilt; Bei England wurde Montefiore's, bei den Niederlanden Spinoza's gedacht Bei Frankreich fielen einige Worteüber Wesen und Wirken der oft geschmähten „Alliance israelite universelle." Spanien gab Gelegenheit, das glückliche Leben und die darum um so härter wirkende Vertreibung der Juden aus dem Lande ..des Weins und der Gesänge" anzuführen. Bei Polen wurde der Grund angegeben, warum hier verhältnismässig so viele Glaubensgenossen leben und fast alle deutsch sprechen, wenn auch in eigentümlicher Mundart. Und so bei andern Ländern. In gleicher Weise fand diese ..Methode " beim Geschichts-Unterricht Anwendung. Hier wurden such solche Männer hervorgehoben, die sich unserer verfolgten Ahnen Hilfreich annahmen wie zur Zeit der Kreuzzüge der edle Abt Bernhard von Clairvaux. Zu diesen Abnehmern" gehörte später auch der grosse Kurfürst von Brandenburg, welcher ,.den Mut und die Kraft hatte, sich über die mittelalterlichen Vorurteile zu erheben." Napoleon I. bewies seinen israelitischen Unterthanen seine wohlwollende Gesinnung durch Berufung des Sanhedrins, von welch letzterem Hebel im „Schatzkästlein" eine köstliche Schilderung giebt. Die Regierung Friedrichs des Grossen machte die Kinder wie mit den Kriegshelden Zieten, Seydlitz, dem ,,alten Dessauer", so auch mit unserm Heros, dem , jüngeren Dessauer" bekannt. Bei der Erzählung von der Wiedergeburt des Vaterlandes kam auch das Edikt des Fürsten von Hardenberg vom 11. März 1812 zur Sprache. Die von den preussischen Juden hierfür in den Befreiungskriegen an den Tag gelegte Dankbarkeit wurde im allgemeinen erwähnt und an einem besonderen Beispiele gezeigt.*) Auch der treffliche Major Burg und seine Glaubenstreue wurde nicht vergessen u. s. w. Diese Mitteilungen wurden ab und zu auch als Aufgaben für den Stil verwertet. Durch Zufall im Besitz eines Aufsatzheftes von einem früheren braven Schüler, welches ein derartiges Thema enthält, sei es gestattet, dessen Ausführungen an dieser Stelle wiederzugeben: Die Lage der Juden in Preussen vor und nach dem Jahre 1812. Vor dem Jahre 1812 wurden die Juden in allen Ländern sehr bedrückt. Sie durften nicht überall *) Gewöhnlich teilte ich bei dieser Geschichtspartie folgende Erzählung mit: ,.Ein freiwilliger Jäger, namens Hilsbach, ein Jude, war unter den ersten, die in der Schlacht bei Gross-Göi-schen blessiert wurden Er erhielte einen Schuss in den Arm, ging aber aus dem Gefecht noch nicht zurück Er that dies erst, als er durch einen zweiten Schuss in den Arm vollständig unfähig gemacht wurde, seine Pflicht zu thun. Die Kameraden äusserten ihr Bedauern über seine Verwundung. Er aber entgegnete mit frohem Mute: „ „Brüder, es schmerzt nicht; denn dort (er zeigte auf die Schlacht) geht's ja gut. Euer Sieg wird mich heilen." " Seine Kameraden erkannten ihm einstimmig das „eiserne Kreuz" zu, welches der König der Jägerabteilung verlieh. Das Vorstehende befindet sich in dem „Deutschen Lesebuche" von A. Büttner. In einem anderen Teile dieses Werkes giebt der genannte Verfasser eine Erzählung unter der Ueberschrift „Ehrlichkeit und Dankbarkeit eines Juden." In der Jetztzeit ist die Aufnahme solcher Stoffe in ein Schulbuch eine pädagogische That. Ehre und Dank darum dem wackeren, rühmlichst bekannten Sch almanne! wohnen, sondern mussten in besonderen Stadtvierteln, die man Ghettos nannte, ihr Heim aufschlagen. Ihre Wohnungen waren in alten, baufälligen Häusern. Aller Rechte waren sie ledig, dafür hatten sie aber viele Pflichten auf sich. Diese bestanden darin, dass sie viel Abgaben und Steuern zahlen mussten. Die Israeliten durften sich auf den Strassen nicht zu oft sehen lassen und abends nicht ausgehen; denn die Thore der Stadt (?) wurden geschlossen. Jüdische Kinder und Jünglinge durften weder Schulen besuchen, noch studieren, daher kam es auch, dass unsere Glaubensgenossen auf einer niedrigen Stufe der Bildung standen. Auch durften sie nicht Aemter bekleiden. Die Juden wurden von allen verachtet. In dieser Zeit befanden sich die Bedrängten in einer sehr traurigen Lage. Auch in Preussen mussten die Juden sehr schmachten. Als im Jahre 1812 Preussen wie neu geboren wurde, sollte auch für die Israeliten eine Zeit der Wiedergeburt kommen. Minister Freiherr von Hardenberg erliess ein Edikt, in welchem er bestimmte, dass die Juden dieselben Bürgerrechte haben sollten, wie die Andersglaubenden. Ferner konnten sie sich ansiedeln, wo es ihnen beliebte. Kurz, alles wurde den Bekennern der mosaischen Religion gestattet, was ihnen bis vor dem Jahre 1812 untersagt war. Für dieses Geschenk waren sie dem Staate Dankbarkeit schuldig. Sie zeigten sich auch dieses Geschenkes würdig. Als im darauf folgenden Jahre der Befreiungskrieg ausgebrochen war, zogen viele unserer Glaubensgenossen mit in denselben. Von diesen kehrten einige mit Orden aus dem Kriege zurück. Dies war ein Beweis für ihre Tapferkeit. Andere blieben leider auf dem Schlachtfelde zurück, die tod oder verwundet'?)*) waren. Auch in heutiger Zeit bemühen sich die Juden, die Pflichten, die sie haben, getreulich zu erfüllen. Dieser Aufsatz mag zeigen, in welchem Umfange meist die eingestreuten jüdisch-geschichtlichen Bemerkungen gegeben wurden. Dieselben beschränkten sich nicht auf dürre Notizen. Andrerseits durfte das Eingeflochtene auch nicht das eigentliche Gewebe durch zu grosse Ausdehnung verdecken. Lässt diese Art der Geschichtsbetreibung, die eben nur als Notbehelf gelten kann, sich auch biographisch und monographisch gestalten, so fehlt ihr doch der historische und logische Zusammenhang. Wo der genannten Disziplin eine besondere Stunde gewidmet werden kann, braucht auf denselben nicht verzichtet zu werden. Da können sehr wohl die Charakterbilder und Biographieen nach der chronologischen Zeitfolge geordnet und in einem pragmatischen Zusammenhange dargestellt werden, „letzteres so, dass man — und sei es nur mit wenigen Worten — die geschichtlichen Bergspitzen durch Brücken mit einander verbindet." Auf viele Namen oder gar Daten kommt es dabei durchaus nicht an, desto mehr auf die Vortragsweise. Die Darstellung sei anschaulich, wahr und vornehmlich anregend und herzlich. Als ein geeignetes Hilfsmittel zur Erteilung eines Geist und Gemüt anregenden Unterrichts in unserem Lehrfache verdient genannt zu werden: Dr. Brann, *) Einige unbedeutende Interpunktions- und sprachliche Fehler sind korrigiert.

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