Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 15 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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72 Geschichte der Juden und ihrer Litteratur. Von der letzteren bringt dieses Buch auch einige Proben. Die jüdische Geschichte ist zu einem grossen Teil Litteratur-Geschichte Jn das Schrifttum können natürlich Kinder der Volksschule nicht eingeführt werden. Wer die Mitteilung einiger litterarischen Erzeugnisse für nötig hält, entnehme solche den Schriften, die sich in den Händen der meisten befinden, also dem Siddur und Machsor, den Selichoth und Kinnoth Zum Schluss noch ein Wort des Philosophen unter den Pädagogen. In seinem ,,Umriss pädagogischer Vorlesungen'' bezeichnet Herbart die Geschichte als „die Lehrerin der Menschheit; und wenn sie das nicht wird, so tragen die Jugendbildner die Schuld. ' Die jüdische Geschichte speziell lehrt, dass das Judentum noch immer ,.allen Gewalten zum Trotz sich erhalten" hat und erhalten wird, so lange seine Bekenner treu und unentwegt zu ihm halten. Wenn unser heranwachsendes Geschlecht, durch Vernachlässigung des Unterrichts in jüdischer Geschichte, dessen nicht inne wird, so tragen einen Teil der Schuld die israelitischen Jugendlehrer. Die Lehrerkonferenzen. Bericht über die 17. General-Versammlung des isr. Lehrervereiiis für das Königreich Bayern. Der isr. Lehrerverein für das Königreich Bayern hielt am 3. August zu München im Beratungssaale der isr. Kultusgemeipde seine 17. Generalversammlung ab. Als Vertreter der isr. Kultusgemeinde waren erschienen der I. Vorstand, Herr Louis Schwab, und das Vorstandsmitglied Herr Kommerzienrat Kirchdörfer. Ferner beehrte die Versammlung Herr Rabbiner Dr. Ehrentreu. Während der Versammlung liefen mehrere Begrüssungstelegramme ein. darunter von Herrn Rabbiner Dr. Werner in München, der s Z. in der Sommerfrische weilte. Nach Eröffnung der Versammlung begrüsste Herr Louis Schwab die Versammlung in herzlicher Weise. Er führte aus, dass die Kultus Verwaltung gerne ihren Beratungssaal der Lehrerversammlung überlassen habe, denn sie wisse den Wert des Lehrertsandes zu ermessen. Sie habe das Glück, in ihren Lehrern vorzügliche Kräfte zu besitzen. Der Lehrer habe einen schweren und verantwortungsvollen Beruf, der nur dadurch gemildert werde, dass es ihm vergönnt sei, in die jungen Herzen der künftigen Generation die rechten Gedanken der Sittlichkeit, der Religion und der Moral zu legen. Dieser Beruf ist jeder Zeit hochzuhalten und sei bei uns und in unserer Religion jeder Zeit hochgehalten worden, sei aber namentlich hochzuhalten in unserer so tief bewegten Zeit, wo die Fluten von allen Seiten aneinanderschlagen, wo Thron und Vaterland, Religion und alles, was der gesitteten Menschheit heilig ist und h iiiig sein muss, so verschiedenen Angriffen ausgesetzt ist, wie wir das ja täglich leider mitzuerleben haben. Für den Juden ist ja doppelt notwendig, dass ihm die Vaterlandsliebe und die Liebe zum Nächsten eingeprägt werde, wie das unsere heilige Religion ganz von selbst vorschreibt. In diesem Berufe wird der Lehrer seine Befriedigung finden,- er wird stets bestrebt sein, den Geist unserer Religon in den Kindern lebendig zu machen. In diesem Sinne bitte er zu wirken, damit eine Generation heranwachse^ die das Judentum nicht als eine Last betrachtet, vielmehr in demselben einen Schatz mit Liebe verteidige. Dann könne der Lehrer stolz sein auf seinen edlen schönen Beruf. Nach diesen Richtpunkten bitte er einzuleiten und zu verhandeln, indem er versichere, den Bestrebungen des Vereins grösste Sympathieen zuzuwenden jetzt und allezeit! (Lebhafter Beifall.) Hierauf erhielt Herr Kollege Heinrich Frei, München, das Wort zur Begrüssung: Nachdem der I. Vorstand dieser Kultusgemeinde in so herzlicher und beredter Weise die Versammlung empfangen und begrüsst habe, so gestatte er sich als dienstältester Lehrer des Münchener Lehrerkollegiums einige Worte den w. Kollegen zu widmen. Als zur Blütezeit der jüdischen Nation die mit den Erstlingsfrüchten zum Feste Wallenden den Thoren Jerusalems sie nahten und die Kunde von ihrer Ankunft in die Stadt sich verbreitete, eilten getrieben von edlem Wetteifer und inniger Liebe zu den Stammesgenossen, die Bewohner der Stadt heraus, um ihre lieben Gäste mit freundlichem Grusse zu bewillkommen. So rufe auch er allen werten Kollegen aus Nah und Fern, aus Dorf und Stadt ein herzliches Willkommen zu. Zum ersten Male seit Bestehen des Vereins seien die Mitglieder desselben in Bayerns Hauptstadt versammelt und zum ersten Male sei es den Münchener Kollegen vergönnt, dieselben zu begrüssen und an ihren Beratungen teilzunehmen. ,,Seien sie dessen versichert/' fuhr er fort ,.wir wissen uns eins, die hohe heilige Sache unseres Religionsunterrichtes mit aller Hingabe und Opferfreude, mit Einsatz unserer besten Kräfte zu pflegen und zu fördern, die Saat des Guten und Edlen, des Gottesglaubens, der Menschenachtung, der Glaubenstreue und der Menschenliebe in die Herzen der uns an vertrauten Jugend zu streuen." Er wies darauf hin, dass wir im Jubeljahre des bahnbrechenden Pädagogen Pestalozzi tagen, der die Begründung eines tugendhaften Charakters und religiösen Sinnes als höchstes Ziel der Erziehung hinstellt, und der insbesondere Liebe znm Glauben der Väter eingeflösst wissen will. In diesem Sinne und Geiste des grossen Schulmannes müsse der Lehrer seines Amtes walten. Er wisse sich ferner eins in der Anschauung, dass ein erspriessliches und erfolgreiches Wirken sich nur dann erhoffen lasse, wenn dem Religionslehrer eine seiner Stellung würdige Achtung und Anerkennung in weiten und hohen Kreisen zu teil werde, und wenn die Schaffensfreude durch die Hoffnung auf einen Zehrpfennig in den Tagen des Alters und durch das Bewusstsein der Versorgung der Witwen und Waisen gefördert werde. Zur Ehre des Vereins sei es ausgesprochen, dass derselbe in der verhältnismässig kurzen Zeit seines Bestehens schon manche Thräne getrocknet und manche Not gelindert habe, In dieser Beziehung habe auch die ,,Achawa" ebenfalls schon Grosses gewirkt und geschaffen, er wolle nur auf die Thatsache hinweisen, dass im jüngst verflossenem Jahre an 2800 Mark nach Bayern zur Verteilunggelangten. Er schloss mit den Worten : Gesegnet sei Euer Kommen, gesegnetEuer Scheiden. (Reicher Beifall.) (Fortsetzung folgt.)_ Verantwortlicher Redakteur: A. Levin, Verlag von Siegi'r. Cronbach, beide in Berlin. — Druck von E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit.