Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 15 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9607695-9607705-9597501--76-9597503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Doch fehlt es deswegen keineswegs an Beispielen werkthätiger Art zur Stählung des Charakters. Wo finden wir leuchtendere Vorbilder für Heldenmut und Tapferkeit als bei den Makkabäern? Wer hat besser gezeigt als Moses Mendelssohn, was auch ein körperlich schwacher Mensch sich und seinem ganzen Stamm durch eigene Kraft werden kann? Giebt es einen besseren Vertreter des echten Philanthropinismus als Montefiore? „Grosse Ideale sind den Kindern vorzuhalten; das Leben zieht ohnehin sehr viel ab." (Jean Paul.) Durch Vorführung oben genannter und ähnlicher Gestalten vermag die jüdische Geschichte mehr Begeisterung und Liebe für das Judentum zu eiwecken, als es die übrigen Zweige unseres Religions-Unterrichts vermögen. Denn die systematische Religionslehre hat in erster Reihe die Aufgabe, die Wege für Sitte und Pflicht vorzuzeichnen. Und dass es die biblische Geschichte nicht thut. wenigstens nicht zu thun braucht, geht schon daraus hervor, dass diese auch von den Kindern der Andersglaubenden, ja von den Sprösslingen aller Kulturvölker gelernt wird. Und noch ein anderer Umstand erheischt m. E. den Betrieb jüdischer Geschichte. Unsere Kinder auch der einfachsten Schule hören heute von Luther und Berthold Schwarz, von den Chinesen und Negern. Das ist recht. Aber es ist nicht zu billigen, dass sie als Fremdlinge aufwachsen in ihrem eigensten Hause; dass sie beim Austritt aus der Schule kaum den Namen kennen von dem grossen Reformator der deutschen Israeliten. Auch die Bedeutung von Ausdrücken wie: Talmud. Ghetto, „Alliance israelite universelle" sollte ihnen nicht gänzlich unbekannt sein. Und wie ist es hierin bei denen bestellt, welche sich später auf den Höhen des menschlichen Daseins bewegen sollen? Oft nicht viel besser? Und wie gar erst bei unseren „höheren Töchtern", von denen gewiss sich manche in Zola, Ibsen oder Tolstoi versenkt? Auf diese trifft genau dasselbe zu, was — — Heinrich Heine von jenen seiner Zeit „rühmte": „Alles lernen sie auswendig, Kluge Mädchen, aber Himmel! — Fragt man sie nach grossen Namen Aus dem grossen Goldzeitalter Der arabisch-althispanisch Jüdischen Poetenschule, Fragt man nach dem Dreigestirn, Nacn Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Gabirol Und dem Moses ibn Era" — Fragt man nach dergleichen, Dann mit grossen Augen schaun Uns die Kleinen an — alsdann Stehn am Berge die--Ochsinnen." — Die Wichtigkeit und Bedeutung der jüdischen Geschichte dürfte nach dem Ausgeführten einleuchtend sein. Darum gebührt ihr auch ein Plätzlein im Unterricht. Aber woher die Zeit nehmen? wird mancher sagen. Nun, sehen wir uns einmal den christlichen Religions-Unterricht an! Dieser gliedert sich auf der Oberstufe — nur hier kann ja von jüdischer Geschichte die Rede sein — in Katechismus. Bibl. Geschichte, Bibelkunde und Bibellesen, Auslegung der Perikopen, Kirchenlied und Kirchengeschichte. Was haben unsere Schulen in dieser Hinsicht aufzuweisen? Bei gleicher Stunden7ahl meist nur biblische Geschichte und systematische Religionslehre. Und sollte trotzdem Zeitmangel sich einstellen, so erscheint es ratsamer, die biblische Geschichte von der Teilung des Reiches ab zu verkürzen, als die jüdische gänzlich zu vernachlässigen. Denn die auf das Schisma folgenden Partieen bieten, mit einigen Ausnahmen, nur geringe Ausbeute für die sittliche Einwirkung. Die Behörde wird gegen eine allgemeine Einführung der in Rede stehenden Disziplin nichts einzuwenden haben. Denn was drüben Kirchen-, das ist hüben jüdische Geschichte. Wenn nach einem hervorragenden Pädagogen „der Zweck jener darin besteht, dass die Kinder durch den kirchengeschichtlichen Unterricht im allgemeinen erkennen lernen, wie sich das Christentum unter schweren Kämpfen emporgearbeitet hat, dass sie sodann aber auch im besonderen erfahren, welche Opfer an Gut und Blut die Väter dahin gegeben haben", so bezweckt für unser n Nachwuchs die jüdisch-geschichtliche Belehrung ganz etwas Aehnliches. — Nur in Schulen mit einer Lehrkraft könnte es an Zeit fehlen, um noch das genannte Unterrichtsfach einzuschieben. Aber selbst in solchen lassen sich einzelne Personen und Begebenheiten auf diesem Gebiete, wenn auch nur kurz, vorführen. Ref. wirkte 8% Jahre an' einer einklassigen Schule Nur der Religions-Unterricht der Mittel- und Oberstufe lag in anderen Händen. Auf der letzteren wurde von den für derartige Anstalten vorgeschriebenen 5 Stunden eine zwar nicht für jüdische Geschichte, wohl aber für jüdisches Kursiv-Schreiben*) verwendet Die Notwendigkeit und Bedeutung der ersteren einsehend, suchte Schreiber diese wichtigen Ereignisse und grosse Männer des Judentums in den übrigen Unterricht hineinzuziehen, wo es nur möglich war. Besonders geschah dies in Geographie und Geschichte. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. Bei Anhalt- Dessau wurde der Verfasser des .,Phädon" erwähnt, und seine Verdienste um die Befreiung der Israeliten *> Welche Bedeutung hat in heutiger Zeit das sogenannte Kursiv-Schreiben? Formelbildende kaum Von zwei eifrigen Förderern desselben, die ich darum befragte, erwiderte der eine, es könnte ja ein Schüler Kultus-Beamter werden, und als solcher müsste er jene Schrift kennen. Der andere meinte: Für diejenigen deutschen Glaubensgenossen, die etwa später mit solchen aus Polen in Geschäftsverkehr treten, ist die genannte Schreibart das einzige Mittel behufs schriftlicher Verständigung. (Dies einmal zugegeben: Warum lehrt man es denn auch die Mädchen?) Und könnte denn nicht jemand aus demselben Grunde und mit dem nämlichen Rechte das Lehren der russischen Schrift verfechten? Die Volksschule hat aber nicht die Aufgabe, Berufs- und Standes-, sondern allgemeine Menschenbildung zu erteilen. Gegen den Betrieb jener Schriftform in privaten Religions-Anstalten lässt sich nichts einwenden, wenn es auch hier lieber als reine Zeitvergeudung — sit venia verbo — fortfallen möchte. Denn gewichtige pädagogische Stimmen sprechen sich in der Gegenwart für den Wegfall eine der jetzt zu lernenden Schriftarten aus. Warum wollen wir da noch der Jugend eine dritte autpacken!