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Jeschurun · 1896-10-23 · 14 (23.10.1896) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
14 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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,,Semit! Und fühlst du nicht die Schande, Den Schimpf, die Schmach in diesem "Wort?" ,, „Ich fühl's. — Tch zog von Land zu Lande, Ich wanderte von Ort zu Ort; Doch ob ich in der Heimat Fluren. Ob fern den Frieden ich gesucht: Allüberall fand ich die Spuren Von jenem Volke, tief verrucht. Trat ein ich in der Schule Hallen, Was lehrte man in frommer Glut? Dass sichtbar Gottes Wohlgefallen Auf dem Semitenvolk geruht, Dass seiner Lehre heil'ge Flamme Der sünd'gen Menschheit Leuchte war, Und dass ein Weib von diesem Stamme Der Welt den Heiland einst gebar. Und wenn ich meine Schritte lenkte Zu jener hehren Stätte hin, Wo der Bedrückte, der Gekränkte Sucht seines Rechtes Hochgewinn: Worauf war das Gesetz gegründet, Nach dem man Urteil sprach und Recht? Auf jene Lehren, die verkündet Einst dem semitischen Geschlecht. Horch, Jubelhymnen fröhlich klingen Hin durch der Kirche hohes Chor, Und fromme Lobgesänge schwingen Begeisternd sich zu Gott empor. Die Herzen freudig sich erheben Bei ihrem weihevollen Klang. Was lässt in Andacht sie erbeben? Ein Psalm ist's, ein Semitensang. Semit! Ich senk" das Auge nieder, Wenn höhnend dieses Wort erklingt; Mich quält's, dass der Verleumdung Hyder Kein Feuerbrand der Wahrheit zwingt, Dass du nicht kannst den Drachen töten, Mein Deutschland, sonst so ritterlich: Als Jude fühl' ich kein Erröten, Jedoch als Deutscher schäm' ich mich!" ■" Die russischen Judenverfolgungen, deren Greuel der Dichter in Hamburg nur allzu wohl beobachten konnte, da die meisten Ausgetriebenen ihren Weg über Hamburg nehmen, haben stark auf ihn gewirkt. Das grenzenlose Elend jener Tage fand einen starken Widerhall in seiner Seele; so entstand eine Reihe von Gedichten, u. A. das rührende melancholische Idyll: Im Zug der Ausgewiesenen stand Der bleiche, abgehärmte Knabe. Er trug die Geige unterm Arm, Sein Reichtum, seine ganze Habe. So war er von dem Heimatsort Im fernen Russland ausgezogen, Nicht ahnend, dass man schnöden Sinns Ihn um sein Menschenrecht betrogen. Der Vater und die Mutter tot. Die hatten's beide gut getroffen. Kein Freund, der liebend ihn beschützt, Die Geige nur sein Trost und Hoffen. Wohin, mein armer Knabe, nun? Die schwache Hand, die zarten Finger Sind in des Lebens rauhein Kampf Gar schlechte, ungeschickte Ringer. Du blickst zum Betteln viel zu stolz, Du kannst nicht an den Thüren stehen. Und um des Mitleids dürft'gen Sold Gesenkten Hauptes schüchtern flehen. 0, nimm die Geige aus dem Schrein Und zieh von einem Land zum andern Und spiel den harten Herzen vor Das Trauerlied vom ew'gen Wandern! Lass deines Volkes trüb Geschick, Sein Leiden, Dulden, Hoffen, Ringen, . Sein tausendjährig tiefes Weh In deinen Tönen widerklingen! Wenn das die Herzen nicht erweicht, Nicht auf zur Sühne ruft, mein Knabe. Dann spiel dir selbst ein letztes Lied — Und leg dich still zu Grabe. Wie ein Richter tritt Loewenberg vor unsere Feinde, die sich in ihrem Hass gegen alle Gründe verschliessen, nur das Gewordene sehen wollen und nicht das Werden. ,,Gewiss, wir sind nicht schuldlos, wir wollen es nicht sein; wir wissen selbst, von Flecken ist unser Kleid nicht rein!" ruft er, und dann schleudert er ihnen die Gründe in's Antlitz, weshalb wir so geworden und wer uns so weit gebracht. Und wenn sie nicht stumpf sind und grausam, müssen ihnen darob vor Scham Ströme von Blut in die Wangen steigen. ..Habt ihr ein Recht, zu höhnen, zu schmähen liebeleer, schlagt an die Brust euch selber und fragt: Woher? Woher?" Und dann verzweifelt er daran, böse Thoren überzeugen zu können und ruft resigniert: Sie glauben es doch nicht! Viel hundert Jahre Verfolgte uns der Feinde Schwärm! In Strömen ist unser- Blut geflossen, Und immer war es rot und warm. Sie schürten um uns die Feuerbrände, Dem Gott der Liebe ein Opfer zu weihn; Die Flammen loderten zum Himmel, Und immer verzehrten sie unser Gebein. Sie sperrten uns ein in düstre Gassen, Sie haben uns Licht und Freiheit geraubt; Wir haben gestöhnt, gerast und gerungen, Und dennoch ward es uns nicht geglaubt. Nun schleppen wir Bücher herbei auf Bücher, Jedwedes günstige Wort wird erspürt; Die Bibel, der Talmud werden durchstöbert, Die Kirchenväter selbst angeführt. Wir Thoren! und käme ihr Heiland wieder Und zeugte für tms — er spräch' in den Wind. Sie glauben es nicht, sie wollen's nicht glauben, Dass wir, sozusagen, auch Menschen sind! Aber aus allem Weh und Groll ringt sich sein idealistischer Glaube an den endlichen Sieg der Menschlichkeit, ringt sich der Messiasgedanke empor

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