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Jeschurun · 1896-08-21 · 12 (21.8.1896) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
12 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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*4£.. — 58 — nicht weniger des Mitleids würdig sind. Wenn es ein grosses Unglück ist, beraubt zu sein eines der Sinne, welche uns in dem Verkehr mit der äusseren Welt und mit der Gesellschaft unserer Nebenmenschen eintreten lassen, so ist es sicherlich ein sehr viel grösseres Unglück, jenen inneren Sinn, jener höheren Fähigkeit nicht zu besitzen, die uns mit Gott und mit dem ewigen Vaterlande der Seelen in Verbindung setzen. Es giebt ganz andere Taube, als diejenigen welche mit dem Organ des Gehörs nicht höreti; es giebt noch andere Blinde als diejenigen, welche mit den Augen des Körpers nicht sehn. Das sind jene Blinden und Tauben, deren tiefe Unseligkeit der Prophet in so kräftigen Ausdrücken beschreibt: ,,Ihr, die ihr taub seid, hört! Ihr Blinde, öffnet die Augen und seht1)-" ,,0, befreit ein blindes Volk, das Augen hat, Taube obgleich sie Ohren haben!"'2) Das sind jene Menschen welche den Dingen der Erde so fest verbunden sind, dass sie für den Himmel keinen Blick haben; die so vollständig beherrscht sind von den weltlichen Bewegungen, dass sie weder die Ermahnungen ihres Gewissens, noch den wiederholten, bald strengen, bald liebevollen Zuruf Gottes vernehmen, jene Menschen, welche so befriedigt sind von dem, was neben ihnen ist, dass sie gar keine Aufmerksamkeit haben für das, was über dem niedrigen und engen Gesichtskreis liegt, in dem sie sich' eingeschlossen halten; die ein Leben ohne Gewissen führen, ohne je das Bedürfnis noch die Seligkeit der Religion zu kennen. 0. wie schön wäre das Werk desjenigen, welcher ein solches Uebel zu heilen vermöchte, welcher ein Mittel entdecken würde, diese Augen ihrer Blindheit zu berauben, diese Ohren zu öffnen, die gegen alles, was nicht weltlichen Lärm, Wirrwar der Leidenschaft, Kampf der Interessen ist, verschlossen sind! Welchen Dank müsste man dem entgegen bringen, der hier das Recht hätte zu sprechen: „Ich bringe dir Heilung und ich beseitige das Uebel, an dem du leidest"3)! Der die Wunde schlösse, welche man unserer Zeit zum Vorwurf macht: die religiöse Gleichgültigkeit, die ausschliessliche Jagd nach Vermögen un d die gierige Sucht nach Vergnügen und irdischer Befriedigung! Gewiss, er würde noch viel mehr gethan haben für das Glück seiner Mitmenschen, als jene Heroen der Wohlthätigkeit und der Wissenschaft, deren Andenken eine Krone des Ruhms umgiebt. Man kann den Wert des religiösen Gefühls gar nicht zu hoch anschlagen, man wäre nicht im stände den ganzen Abgrund der Leere zu ermessen, die in den Seelen zurückblieben, wenn das religiöse Gefühl abnähme oder verschwände. Ist die Religion nicht gleichsam der Abdruck der göttlichen Hand, die uns das Dasein gegeben, das zuverlässige Zeichen der hohen Bestimmung, zu der wirtrotz unserer scheinbaren Schwäche, berufen sind? Meine Brüder! Ueber aller sichtbaren, groben Wirklichkeit, die uns umgiebt, ein höheres überirdisches Gut erkennen, ahnen, ersehnen; Sorge tragen für die ewigen unvergänglichen Dinge: überzeugt sein, dass das Leben mit allen seinen Kämpfen, seinen Freuden, seinen Triumphen, seinen Leidenschaften und seinen Prüfungen, das ganze Geheimnis unserer Bestimmung nicht enthalten kann; sich in Schranken fühlen in dieser Welt trotz allem, was sie Verführerisches und Bezauberndes bietet; auf den Flügeln des Gedankens und des Gefühls sich erheben zu einer reinem, ruhigem, weitern Welt, wo unsere Seele, als in ihrer wahren Heimat sich wohler fühlt; suchen jenes unendliche Wesen, welches in einer erhabenen Vollkommenheit alle Schönheit, alle Grösse, alle Seligkeit vereinigt, und welches die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Liebe selbst ist; wissen, dass man unter dem fortwährenden Schutze und der unaufhörlichen Fürsorge der göttlichen Vorsehung steht; aus dieser Idee einen Zügel bereiten für unsere Leidenschaften, eine Regel für unser Verhalten, ein Licht für unser Leben1); im Glücke nie verlieren das Bewusstsein unserer Schwäche und unserer Abhängigkeit; im Unglück im Schmerz mit Mut und Festigkeit anerkennen und annehmen die Prüfimg, welche stärkt, die Unterweisung, welche bessert wie Hagar im Festabschnitt, wenn uns alles zu fehlen scheint, wenn die Erde uns treulos im Stich lässt, mit den Augen des Geistes, wenn nicht mit denen des Körpeis, den Engel des Himmels wahrnehmen, der uns ein Zeichen giebt, uns ermutigt, uns beruhigt und uns zeigt, wo die Quelle des belebenden Wassers fliesst;. wie Hanna in der Haphtora, die fromme Israelitin, die betrübte Gattin und später die so glückliche Mutter, im Gebete, das in breiten Wogen der gepressten Brust sich entwindet, Kraft, Hoffnung und Hilfe suchen; mit einem Worte: in dem Gottesgedanken unerschütterlich finden die Stütze, die uns aufrecht erhält, die Feuer-Säule, die unsern Weg beleuchtet, die Kraft der Tugend, die dem Leben Würde giebt und uns vor Verzweiflung bewahrt, den Strahl aus der Höhe, der dies ..Thal der Thränen verwandelt in eine Pforte der Hoffnung.'"2) Das ist, meine Brüder, und ich habe noch lange nicht alles gesagt, das ist wahre Frömmigkeit! Das ist die Macht und die Wirksamkeit der Religion! Seid ihr nicht der Meinung, dass die Religion, wenn sie so aufgefasst wird — und sie kann nicht anders aufgefasst "werden — zu denjenigen Dingen gehört, auf welchen die Würde und der Adel der Menschheit beruht? Ja, ich behaupte, ein Mensch, dem diese hohen Regungen vollständig fremd sind; ein Mensch dem der Sinn für das Göttliche mangelt, ist kein ganzer Mensch: ist ein verstümmeltes Wesen, er mag sonst noch so viel Talent, noch so viel Wissenschaft, noch so viel Genie und selbst noch so viel Tugend haben; er ist umgeben von Irrlichtern, oder vielmehr von tiefer Finsternis3); er wird von lügenhaften traurigen illusionen getäuscht, und eines Tages wird er das Nichtige der Schein-Güter erkennen, die er zu seinen Göttern gemacht hat4). ich gestehe es, meine Brüder, dass ich nur schwer den Mut verstehe, mit welchem so viele Menschen unserer Zeit es wagen ohne Religion zu leben. Man glaubt, von seiner stolzen Unabhängigkeit, von der Geistesüberlegenheit, von Charakterstärke Beweise abzulegen, wenn man gegen dasjenige, was die Menge glaubt und übt, den Gleichgiltigen oder den Gegner spielt; man hält sich für einen starken Geist, einen freien Denker, ohne zu merken, dass man sich damit nur ein Armutszeugnis ausstellt und der Enge und der Ohnmacht des Geistes beschuldigt. Man spricht: ,,Was mich betrifft, mir genügt es, ein redlicher Mann zu sein; ich gebe meinen Kindern eine gute Erziehung, ich erfülle gewissenhaft meine Pflichten, ich thue meinem Nächsten kein Unrecht; leidet er Not, so rührt mich sein Elend, und ich schlage keinem Hungrigen ein Stück Brot ab. Was will man mehr? i) Jesaje 42, 18. ibid. 43,8. =>) Jerera. 30,17.

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