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Jeschurun · 1896-08-21 · 12 (21.8.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
12 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jeschnrnn. Halbmonatsschrift für Pädagogik, Homiletik und Litteratur. (Beilage zur Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift.) No. 12. Berlin, 21. August. 1896. Inhalt: Die Religion. Von Zadoc Kahn ״Die Religion.“*) Predigt zum 1. Tag Rosch-Haschana von Zadoc Kahn, Grand Rabbin de France. Am 1. Tag* Rosch-Haschana 5636. ,,Die religiöse Weltanschauung. ‘ ״Religion.'‘ ״So wie ich Wasser ausgiesse auf durstigen Boden und Bäche in die trockene Ebene, so giesse ich aus meiuen Geist auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge,“ Jesaj 44,3 Meine Brüder! Es ist ein grosser Segen für das Judentum und ein wahrer Trost für diejenigen, welche für dessen Zukunft Sorge tragen, dass inmitten aller Veränderungen, die im Laufe der Zeit in unserer Art zu denken, zu glauben, und zu leben eingetreten sind, unsere Tischri-Feste doch einiges von ihrem alten Ansehen und ihrer mächtigen Herrschaft über die Seele des Israeliten sich bewahrt haben. Selbst viele von denen, welche das ganze Jahr hindurch die Religion aus ihren Liebhabereien verbannt zu haben scheinen, indem sie sich ganz dem, was man die Tyrannei des Berufslebens nennt, hingeben, oder durch die Reize der weltlichen Vergnügungen sich fesseln lassen, — sie erwachen beim Herannahen dieser heiligen Tage. Regungen, deren man sich gar nicht mehr fähig hielt, brechen hervor, wie aus einer verborgenen Quelle; alte, fast verwischte Eindrücke treten wieder zum Vorschein in einem geheimen Winkel der Seele, und man betritt wieder den Weg zum Gotteshause, dem man sich fast entfremdet hatte; man lauscht, nicht ohne Rührung, den Gebeten und Gesängen, welche eine Menge süsser und teurer Erinnerungen wachrufen. Es ist ja wahr, diese alten Formen unseres Gottesdienstes, diese einerseits schüchternen, andererseits vertraulichen Gebete, diese durch die Zeit geheiligten Melodieen, diese fremdartigen Töne des Schophar, diese erhabenen Veranstaltungen der Andacht, die uns in die Jahre unserer Kindheit zurückversetzen, sie machen auf uns nicht mehr denselben Eindruck, den sie auf die kindlich tief frommen Seelen unserer Väter gemacht haben. Die jomim nauroim, ימי□ נוראים die furchtbaren Tage, flössen nicht mehr die religiöse Angst ein wie früher, und die kräftigen Bilder, durch welche die Ueberlieferung unser Fest kennzeichnet, indem uns Gott gezeigt wird in seiner erhabenen Eigenschaft als Richter, sitzend auf seinem Throne der Wahrheit, die Wage des Gerichts in seiner Hand haltend, alle Sterblichen der Reihe nach vor sich hin¬ *) Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von M. — Die Rede kann auch geteilt und der 2. Teil als Jam-Kippur-Rede benutzt werden. Red. rufend, um von ihnen Rechnung zu verlangen über ihre Thaten und ihnen den unabänderlichen Richterspruch, der ihr Schicksal bestimmt, vorzutragen — diese Bilder, sage ich, welche früher das unruhige Gewissen zittern machten, sind kaum im stände unsere Ruhe zu stören. Aber ebenso wahr ist es, das diese Feste die Pforte unseres Herzens der Religion Israels wieder eröffnen, so sehr diese das ganze Jahr hindurch vernachlässigt sein mag. Ohne diese Feste wäre das religiöse Gefühl, das von so vielen Umständen gestört und bekämpft wird, in Gefahr sich 7u verlieren und ganz zu verlöschen, ohne sie würde das Bewusstsein unserer Sendung, unserer Pflichten als Israeliten, der Gottesgedanke allmählich und unbewusst aus unseren Seelen verschwinden, was ein nicht wieder gut zu machendes Unglück wäre. Denn trotz aller unserer Fortschritte, aller unserer Aufklärung und besonders unserer An- Sprüche, können wir nicht die Religion, können wir Gott nicht entbehren. Ein Leben ohne Gott, ohne Religion kann kein wohl geordnetes und noch weniger ein glückliches Leben sein; ein Glück, dem jeder höhere Gedanke fremd bliebe, gliche einem sehr gebrechlichen und unzulänglichen Gebäude; mit einem Worte: ein Mensch der sein ganzes Dasein auf die eintönige Alltäglichkeit zurückgeführt hätte, wäre kaum des Namens ״Menschu würdig. Begrüssen wir darum mit freudiger Dankbarkeit diese Feste, die es verhindern, dass wir uns selbst vergessen, und welche, nach den Worten unseres Textes, wie ein wohlthätiger Thau auf die öde Gewöhnlichkeit unserer Tage sich ergiessen. Gestattet mir, auch zu zeigen, dass diese grossen Feste, welche wir heute beginnen, indem sie das religiöse Gefühl in uns lebendig erhalten oder wiederbeleben, für uns eine unschätzbare Wohlthat sind und uns einen unendliehen Dienst erweisen. Meine Brüder! Nichts versetzt uns in eine lebhaftere Traurigkeit als der Anblick eines unserer Nebenmenschen, der mit einem Naturfehler behaftet ist, der von Geburt oder durch Unglück verurteilt ist, nur ein halber Mensch zu sein und in dieser Welt wie in einer Einsiedelei zu leben. Ein solches Unglück ergreift uns in dem Grade, dass wir zu den grössten Woblthäteinder Menschheit, deren Name von Geschlecht zu Geschlecht genannt zu werden verdient, diejenigen zählen, welche durch Erfindung oder Wohlthätigkeit ein Heilmittel oder auch nur eine Erleichterung für dieses Uebel gefunden haben; diejenigen, denen es gelungen ist, teilweise wiederzugeben das Gehör den Tauben und das Licht den Blinden. Wir verehren sie im Leben, wir segnen ihr Andenken, weil sie es sich angelegen sein Hessen, entsetzlichem Unglück eine Linderung zu bereiten. Allein, meine Brüder, die körperlichen Mängel sind nicht das Grausamste auf Erden: ihnen zur Seitd stehen geistige Mängel, welche obgleich sie weniger in die Erscheinung treten, doc /

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