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Jeschurun · 1896-08-15 · 11 (15.8.1896) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
11 (15.8.1896)
Date
1896-08-15
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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55 sich thatsächlüh abgespielt, als vielmehr wie er sich im Bewusstsein der Menschheit gestaltet hat, wie er von der Sage fortgebildet uns ausgebildet wurde — ist die Geschichte ihres Volkes. In der richtigen Erkenntnis nun, dass der Mensch in der Jugend den Grund zu seinem Lebensbau legen muss, rüstet die Sage Kindheit und Jugend hervorragender Männer mit grossen Ereignissen aus. Unheil verheissende Wolken bedrohen das teuere Haupt, das einst zu den Häuptern der Menschheit gehören soll; aber die Sonne zukünftiger Grösse bricht sich Bahn durch die ihr feindliche Dunkelheit. Die Litteratur aller Völker befasst sich mit den Gefahren, in denen ihre Ahnherren geschwebt und mit der wunderbaren Kettung, die ihnen nach Geschichte oder Sage zu Teil geworden. Die Nationen unterscheiden sich jedoch von einander in der Art der Gefahren ihrer Helden; in Bezug auf den Charakter der Mächte, die sie verfolgen, und in Bezug auf die sie befreienden und erlösenden Wesen.*) Die ästhetisch-künstlerischen Griechen lassen ihre führenden Geister unter der Missgunst neidischer Götter leiden und aus der Hand heretischer Figuren den Kelch der Befreiung erhalten. Die Begründer des kriegerischen und herrschsüchtigen Kom werden, nach der Sage von selbstsüchtigen und herzlosen Verwandten verfolgt und von wilden Tieren gerettet. Auch die Helden unseres Stammes schweben in ihrer Jugend in grossen Gefahren, aber kein persönlicher, gegen ihre Existenz als Einzelwesen gerichteter Hass ist es, der sie bedroht, sondern ein Hass gegen ihren Stamm oder gegen ihre Religion, gegen sie als Juden, oder gar ein selbstloser religiöser Eifer, der auf die Stimme des Herzens nicht hört. Die Gefahren, die sie umringen, stehen irgendwie mit der Religion und dem jüdischen Familienwesen in Verbindung. Abraham wird von seinen Verwandten dem Feuertode preisgegeben — nicht aus Herrschsucht, nicht aus Selbstsucht), sondern aus religiösem Fanatismus, weil er den Götzendienst verworfen und den Gottesdienst eingeführt, die alten Götter entthront und den wahren Gott erkannt hatte. Jacob seufzte unter den Verfolgungen seines Bruders — um eines Familiensegens willen — also auch ein religiöses Motiv. Moses wird den flutenden Wellen zugesprochen, einzig und allein, weil ihn eine Jüdin geboren. Der Held unserer Akeda, Isak, wird vom religiösen Eifer seines Vaters, der ihn mit aller Glut seines Herzens liebt, bedroht. Spiegelt sich etwa nicht die Leidensgeschichte unseres Stammes ab in diesem Jugendleiden unserer Ahnen? Akedagefahren umnebelten die Kindheit und die Jugend unserer Stammväter und Gesetzgeber; Akedagefahren bestürmten auch Israel zu allen Zeiten! Scheiterhaufen errichteten die Völker gar oft, auf denen sie die Juden zu vernichten wählten unct gleich Abraham trotzten unsere Vorfahren, in denen die Flamme echten und rechten Glaubens loderte, *) Lazarus wies in seinen Vorlesungen auf dieses letztere Moment hin. den Flammen, die ihre Feinde geschürrt und entfacht! Fürwahr, um des Segens wahrer und reiner Gotteserkennntnis willen waren die Nachkommen Abrahams und Jacobs die Zielscheibe des Hasses und der Verfolgung! Ihr sehet, dass unser Schicksal dem Lose unserer Geisteshelden, dass der Lebenskampf unserer Glaubensgenossenschaft den Kämpfen unserer Heroen gleichet. Was uns aber fehlt, ist der Opfermut eines Abraham, die Gottergebenheit eines Isak und die Kühnheit eines Jacob. Was uns fehlt, ist der Akedageist, sind Altäre, dem Judentume geweiht! Da schüttelt wohl so mancher zweifelnd das Haupt. Wurden doch auch im verflossenen Jahre neue Synagogen erbaut und neue Religionsschulen gegegründet, ist doch vollends an unserem Feste fast in jeder Strasse dieser Weltstadt ein Altar dem Ewigen errichtet. Ja, die Zahl der Bet- und Lehrhäuser hat sich vermehrt, aber die Zahl andächtiger Beter und begeisterter Schüler hat sich vermindert! Altäre wurden errichtet, aber nicht mit unserem Geiste, und nicht mit unserem Herzen, nicht in unserem Geiste, nicht in unserem Herzen. Sollen wir nun verzagen und verzweifeln. Nein! Die Rettung kommt! Wer sie bringen soll, wer sie in Israel stets gebracht —■ das lehrt uns wieder die Jugendgeschichte unserer Helden. Nicht Bewohner des Waldes und nicht Geschöpfe der Phantasie waren die Retter der jüdischen Geistesgrossen, sondern unmittelbare Gesandte des Herrn waren es, מלאכים himmlische oder menschliche Engel waren es die Mütter der Helden! Die Mutter rettet ihr von Gefahr umgebenes Kind kraft ihres Akedamutes, kraft ihrer Opferwilligkeit. Sie verscheucht alle feindlichen Schatten ihres Kindes mit dem Flügelschlsg ihrer grenzenlosen Liebe; sie beschützt ihr Kind mit den Fittigen mütterlicher Hingebung. So wurde der Gottesmann Mose durch seine Mutter gerettet. Die Fluten ihrer mütterlichen Liebe schjvämmten gleichsam alle Bedenken weg und mit Gefahr ihres eigenen Lebens rettete sie mittelbar ihren Sohn vom Wellentode. Ihr kennt ja die Jugendgeschichte Moses. Ihr kennt ja das Dreigestirn erhabener Frauengestalten, denen man das Leben des grossen Gesetzgebers zu verdanken hat: Die treue Schwester, die sich vom Bruder nicht trennen kann, die nichtjüdische Prinzessin mit dem jüdischen Herzen, die sich des Hebräerkindleins erbarmt, und die Mutter, die der Todesgefahr trotzend sich ihrem Kinde weihet. Ihr merket nun, dass die Mutter, die Schwester wie die Frau überhaupt die rettende That in Jsrael vollzieht. Diese Anschauung, die auch in der Jugend־ ge schichte Jacobs zum Ausdrucke gelangt, ist ein ehrendes Zeugnis für die jüdische Familienliebe, für die Bedeutung, die der Frau beigelegt wird als Erzieherin ihrer Kinder, als Mittelpunkt ihres Hauses! Die Familie, in der die Frau das Priesteramt bekleidet, war schon im alten Israel der Mittelpunkt allen gesellschaftlichen Lebens und ist in unserer Wüsten Wanderung durch alle Länder der

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