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Jeschurun · 1896-08-15 · 11 (15.8.1896) · p. Seite 54

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
11 (15.8.1896)
Date
1896-08-15
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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— 54 — Ein weiterer Vorzug dieses Geschichtswerkes, wodurch es sich von Arbeiten gleicher Absicht auszeichnet, ist die in gesonderten Abschnitten behandelte Kulturgeschichte der verschiedenen Zeiten, welche neben der Geschichte einschreitet. Ueber diese Methode ist in den letzten Jahren viel hin und her gestritten worden, die meisten "Wortführer aber neigen sich der Behandlungsweise zu der Kulturgeschichte zu, der sich auch L. anschliesst. Es ist nicht mehr als recht und billig, geschieht aber doch hier zum ersten Male, dass nicht nur der erlittenen Verfolgungen Erwähnung gethan wird, sondern dass auch der Männer aller Stände dankbar gedacht wird, welche zur Rettung unserer bedrängten Vorfahren beigetragen haben, und dass ihre Namen der erkenntlichen Nachwelt übersichtlich überliefert werden. Die soviel als irgend möglich beigegebenen Proben des Scharfsinns von Männern wie Jehuda Halevi, die Erzählungen köstlichen Inhalts von einer Beruria, die auf die Jugend eminent erziehlich wirkende Schilderung des Verhältnisses von R. Meir zu Acher, ist eine Bereicherung der Schrift, die ich in der Hand meiner Jünger nicht mehr missen möchte. Man muss staunen, wie es möglich war, auf so wenig Bogen alles Wissenswerte zu geben ohne jeglichen Ballast im Inhalte, und selbst das Inhaltsverzeichnis lässt das Wichtigste sofort in die Augen springen, sodass das Auffinden de^ Gewünschten keine Schwierigkeiten verursacht. Die meisterhaft skizzierten Aufgaben, die wir für Gegenwart und Zukunft haben, und der Abdruck der bekannten ,,15 Grundsätze" zeigen, dass in dem Buche, das soviel bietet, die Ethik nicht zu kurz gekommen ist. Bei alledem ist die Schrift mit feinstem Takte geschrieben, dass sie auch in nichtjüdischen Kreisen vieler Sympathie begegnen wird, fesselnd und spannend bis ans Ende, und wir zweifeln nicht, dass diese Nachbiblische Geschichte, welche alle bisherigen dieses Material behandelnden Schriften .in den Schatten stellt, diese auch in allen Schulen verdrängen wird. Der Lehrer wird, wenn er das Werk einführt, in ihm und aus ihm stets Befriedigung, der Schüler — auch der Autodidakt — Anregung finden, und so wird es, das ist mein wärmster Wunsch, im Interesse unserer Religions - Wissenschaft, sicherlich zur Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte auch bei Erwachsenen beitragen und einen Triumphzug durch alle jüdischen Schulen antreten. Dr. Singer-Coblenz. Die Akeda als Naturlehre Israels.*) Eine Roschhaschanah -Predigt. Von Dr. J. Niemirower. Andächtige Festversammlung! Soll ich die heut verlesene Akeda schildern, ihren Inhalt angeben, ihre Bedeutung und Tragweite darstellen und ihre Lehren *) Diese wie die noch folgenden Reden wollen unsern Lehrer - Predigern vornehmlich Anregung zu selbständigen Arbeiten bieten. Red. aufzählen? Wohl giebt es Thoraabschnitte, die dessen bedürfen, deren Kenntnis nicht weit genug verbreitet ist. Zu diesen gehört aber unser Festabschnitt nicht. Welcher Israelite hat nicht den Opfermut des Stammvaters Abraham bewundert, den Mut und die Kraft, die eine Bereitwilligkeit zur Opferung des einzigen Sohnes erfordert? Welche Israelitin hat nicht für das Leben des Knaben Isak gezittert — als wäre sie Sara seine Mutter? Wer wurde nicht freudig überrascht durch die Errettung des Knaben? Prägt sich ja diese Erzählung schon frühe jedem jüdischen Kinde ein und an jedem zweiten Tage des Neujahresfestes wiederholt sich ihre Wirkung auf Geist und Gemüt, so dass sich gewissermassen ganze Schichten von Akeda-Gefühlen im jüdischen Herzen anhäufen, und verschiedene Gruppen von Akedagedanken im jüdischen Geiste bilden. Diese Gefühle und Gedanken entstehen durch die mannigfachen Betrachtungen, die so oft über die Jugendgeschichte unseres Stammvaters Isak angestellt werden. Diese Thatsache, dass die Akeda so häutig und so verschiedenartig behandelt wird, erklärt und begründet ihre Unsterblichkeit im Judentum; denn das Vielseitige, das eine gegliederte Einheit darstellt, das einen grossen Kranz vieler duftenden Blumen bildet, erstarrt nicht schnell, sondern ist von fast unbegrenzter Dauer. ,,Wer Vieles bringt, wird jedem Etwas bringen/' Aus der Fülle wichtiger Momente lässt sich stets ein Moment herausheben, an den man eine neue Seite entdeckt. Auch wir wollen in dieser Stunde der Andacht die Akeda von einem neuen Gesichtspunkt betrachten, sie als eine Naturlehre unseres Stammes darstellen, als eine Naturlehre, welche Religiosität und Familienliebe als die Grundeigenschaften des jüdischen Charakters bezeichnet. Diese grosse Wahrheit offenbart nicht nur die Akeda, sondern auch die Lebensgeschichte fast aller Geisteshelden Israels, ganz besonders die der Stammväter und die des Gottesmannes Mose, derer wir uns heute, am Tage des Gedenkens, erinnern. Diese Wahrheit bezeugt eigentlich unser ganzes Leben und Wirken; da aber gegenwärtig der Judenhass uns jede tiefe Religiosität und jede hohe Auffassung der Familie abzusprechen wagt, da ferner in der Gegenwart eine beschämende Unkenntnis des jüdischen Wesens in unsren eigenen Reihen überhand nimmt, muss man immer wieder Judas Religiosität und Familiensinn betonen, weshalb ich sie aus der Akeda und der ihr ähnlichen Jugendgeschichten unserer Geistesheroen mit göttlichem Beistande zu erweisen suchen werde. Meine Andächtigen! Wer den Charakter einer Einheit menschlicher Wesen zu \rkennen sucht, wird sich nicht in der Betrachtung der grossen Gliedermasse dieser Genossenschaft verlieren dürfen, sondern wird seinen Blick auf das Leben derjenigen richten müssen, in denen der Typus ihrer Gemeinschaft zur Vollendung gelangt. Die Lebensgeschichte solcher Männer ist die Naturgeschichte und Naturlehre des Nationalgeistes, dem sie entsprungen, der Volksseele, die sie erzeugt. Ihr Lebenslauf — weniger wie er

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