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Jeschurun · 1896-08-15 · 11 (15.8.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
11 (15.8.1896)
Date
1896-08-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Leimdörfer's „Nachbiblische Geschichte.4'*) Wenn schon die grosse Fülle von Lehrbüchern für alle Zweige der israelitischen Religion — die vor einigen Jahren aufgenommene „Enquete des Kultusministers konstatierte mehr als 500 verschiedene für Preussen allein — als ein bedenkliches Zeichen dafür zu gelten hat, dass auf allen diesen Gebieten die Frage nach einem mustergiltigen Lehrbuche noch nicht zum Abschlüsse gelangt ist, so sind doch alle jüdischen Pädagogen darüber einig, dass dieser Mangel beim Unterricht in der nachbiblischen Geschichte sich am schmerzlichsten fühlbar macht. Entweder sind die Lehrbücher kurz gefasst, erlangten diese an sich wohlthuende Kürze jedoch auf Kosten einer teils holprigen, teils schwülstigen Sprache, infolgedessen sie dem Lehrer nichts nützen, den Schüler sogar langweilen — oder sie sind zu umfangreich, zu wenig handlich und entsprechend zu teuer, sodass nicht allen Schülern ihr Ankauf und die Aufnahme des vielen Gebotenen ermöglicht, und der Lehrer dadurch zum Docieren gezwungen wird, welche Unterrichtsmethode bei der halbreifen Jugend, den Erfolg von vornherein ausschliesst. Schreiber dieser Zeilen empfand es daher wie eine Befreiung von einem drückenden Alp, als ihm ein freundliches Geschick die nachbiblische Geschichte des durch seine pädagogischen, philosophischen und homiletischen Schriften rühmlichst bekannten Verfassers in die Hände spielte und bei eifrigem Durchstudieren der Schrift von der unvergleichlichen Leistung überrascht und überzeugt wurde, dass dem erwähnten tiefgefühlten Bedürfnis hier in wirksamer Weise abgeholfen ist. Ein grosser Vorzug des Werkes ist, dass man aus ihm die religiöse Richtung des Verfassers nicht zu erkennen vermag, somit keinerlei Tendenz seiner Einführung in den Schulen aller Richtungen entgegensteht. Man vermisst nichts Bedeutsames bei *) Nachbiblische Geschichte für die israelitische Jugend, IV. Aufl. von Dr. Dav. Leimdörfer-Hamburg, Verl. W. Rothschild, Behrens Co. der Aufführung der mannigfachen verschlungenen Wege, welche die Geschichte Israels nach seiner Zerstreuung eingeschlagen hat. Leimdörfer hat sich auch hier als Meister der Darstellung erwiesen; ohne seiner Gesinnung etwas zu vergeben, lässt er alles Liebgewordene bestehen. Um aus den zahlreichen Momenten, welche diese kluge tendenzlose, geschickte Geschichtsschreibung charakterisieren, nur einige hervorzuheben, seien nur folgende erwähnt: Auf Seite 3 erklärt er die 10 Stämme für „unauffindbar." Obgleich schon aus praktischen Gründen sich dagegen einwenden liesse, dass dennoch der auf 8 Millionen Köpfe veranschlagten Anzahl der — durch Decimierungen in den verschiedenen Jahrhunderten im Wachstum durchaus nicht geförderten — Nachkommenschaft der zwei Stämme gegenüber noch mindestens 40 Millionen Juden unbekannten Aufenthaltes angenommen werden müssen — eine Annahme, die sehr wenig Wanrscheinlichkeit für sich hat — so muss doch anerkannt werden, dass Leimdörfer lediglich der Pflicht des unparteiischen Geschichtsschreibers nachgekommen ist, als er es vermied, die kritische Brandfackel in die Herzen der Jugend zu schleudern. S. 79 beginnt das 17. Kapitel, welches wie alle übrigen Kapitel mit einem schönen passenden Bibelspruche an der Spitze geschmückt ist, mit den Worten: „In Mainz, so wird erzählt, lebte im 13 Jahrhundert ein frommer Gelehrter, R. Amnon und berichtet über die Entstehung des „Unsanne tokef' in derselben gemütvollen, den Glaubenseifer stärkenden Weise, wie es in unserer kritiklosen Jugendzeit vorgetragen wurde, und es wird jedem Lehrer überlassen, sich der Meinung anzuschliessen, dass er es hier mit einer der so zahlreichen schönen Sagen zu thun habe, oder auch auf die Wahrheit der Erzählung die Feuerprobe einzugehen. Das Datum für die Zerstörung beider Tempel setzt L. auf den 9. Ab, was ich besonders hübsch finde, ohne dass ich aus meinem Herzen ein* Mördergrube zu machen nötig habe. In unserer heutigen Zeit, da die israelitische Jugend in der Geschichte Israels so wenig Bescheid und im Elternhause keinerlei Pietät gegen teuere Erinnerungen gewahrt findet, sind solche kleine Nebensächlichkeiten nicht allein ein Hilfsmittel für das Gedächtnis, sondern sie werden auch ihren gemütlichen Einfluss auf das Kinderherz nicht verfehlen.

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