Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 8 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Versammlung wurde um lG'/a Uhr von dem Vorsitzenden Prediger Sturmann mit Gebet eröffnet. Der Vorstand sowie die Mitglieder der Schulinspektion der jüdischen Gemeinde in Allenstein waren zur Begrüssung der Versammlung erschienen. In ihrem Namen wie im Namen des Ausschusses des Synagogenverbandes Ostpreussens brachte Herr Rechtsanwalt Schey-Allenstein der Konferenz die Wünsche zum Ausdrucke, die beide Körperschaften der Versammlung für ihre Arbeiten entgegentragen. Ausgehend von den besonderen Aufgaben der einzelnen Organe, entwickelte der Redner in eingehenden gehaltvollen Worten die gemeinsamen Interessen derselben mit denen der jüdischen Lehrerschaft und sprach die Hoffnung aus, dass es den vereinten Anstrengungen bei gegenseitiger Unterstützung gelingen werde, das gemeinsame Ziel aller, die Förderung der religiösen Bildung bei der israelitischen Jugend, der Erfüllung näher zu führen. In gleicher Weise versicherte Herr Rabbiner Dr. Rülf-Memel die Versammlung der wohl - wollenden Unterstützung, deren sich die jüdischen Lehrer seitens der von ihm als Vorsitzenden vertretenen Schulinspektion des Verbandes der ostpreussisehen Synagogen-Gemeinden jederzeit zu versehen hätten. Vor Eintritt in den geschäftlichen Teil der Tagesordnung erbat der Vorsitzende die Genehmigung zur Entsendung vonBegrüssungstelegrammenan denD. J. G. B., Vorsitzenden des ostpreussischen Synagogenverbandes, Herrn Stadtrat J. Eichelb aum-Insterburg, an den Vorsitzenden des jüdischen Lehrer -Verbandes, Herrn Rektor Dr. Adler-Berlin und an das Ehrenmitglied des Vereins, Herrn Rabbiner Dr. Bamberger-Königsberg. 1. Punkt der Tagesordnung bildete der Vortrag des Waisenhaus-Inspektors Peritz-Königsberg über die methodischen Grundsätze für eine Auswahl der Gebetstücke aus dem Siddur. Jeder Unterricht müsse, unabhängig von dem religiösen Standpunkt des Lehrenden, nach den Gesetzen der Methodik geordnet sein. Dies lasse aber der Siddur-Uebarsetzungs-Unterricht in der Auswahl und Anordnung des Lehrstoffes noch vielfach vermissen. Wo überhaupt darin ein Prinzip zur Geltung komme, sei es gewöhnlich einzig und allein die liturgische Ordnung des Gottesdienstes, welche die Wahl leite. Der specielle Unterrichtszweck dürfe aber nie allein die Stoffauswahl bestimmen; es gehöre dazu als zweites, wesentliches Sichtungsmoment die Rücksicht auf die geistige Natur des Kindes in ihren mannigfachen Wesens- und Thätigkeitserscheinungen. Wesen und Bestimmung des Siddurs ergebe vornehmlich drei Momente. 1. enthalte der Siddur die traditionellen Formen, in denen wir unsere Gefühle des Lobes, des Dankes und der Bitte bei den verschiedenen Gelegenheiten vor Gott zum Ausdruck zu bringen haben, 2. sei er für uns eine unerschöpfliche Quelle, aus der wir religiöse Erkenntnis und Erbauung, Kraft und Trost schöpfen und 3. bezeichne er die Ordnung unseres gemeinschaftlichen Gottesdienstes und der religiösen Festakte im Hause. Dementsprechend erscheinen für den ersten Unterricht von besonderer ' Bedeutung und seien in der Stoffauswahl allen anderen voranzustellen: 1) Gebete, welche uns zur täglichen Andacht pflichtmässig vorgeschrieben sind, 2) Gebete mit ausgesprochen geistbildendem Inhalte, 3) Gebete, welche in der Liturgie des öffentlichen Gottesdienstes oder in der religiösen Praxis des Hauses eine hervorstechende Stellung einnehmen. Die Berücksichtigung der geistigen Natur des Kindes bei der Auswahl und Anordnung des Lehrstoffes sei im Interese einer selbstthätigen und eigenwilligen Aneignung desselben seitens des Schülers geboten und verlange zunächst Beachtung der im intellektuellen Leben der Kinder in Erscheinung tretenden Stufenfolge der Entwickelung. Die dem Zöglinge zur Aufnahme gebotenen Gebete müssen immer der geistigen Kraft desselben entsprechen. Dabei sei nicht blos der gedankliche Inhalt, sondern auch die Sprache zu beachten, in der jener zum Ausdrucke komme. Der Lehrer dürfe nur solche Lehrstoffe an das Kind heranbringen, die in einer dem jeweiligen kindlichen Verstände und seiner Sprachentwickelung conformen Weise wiedergegeben seien. Dies gelte hier nicht sowohl vom hebräischen Texte, als vielmehr von der deutschen Uebersetzung desselben, da dem Kinde nicht der hebräische Begriff, sondern das entsprechende deutsche Wort zur Auffassung gegeben werde und der hebräische Text dem Schüler leicht oder schwer erscheine, je nach der Uebersetzung, die ihm gegeben werde. Bei dem Mangel einer mustergültigen Uebersetzung der Gebete für Kinder, habe es sich der Lehrer selbst angelegen sein zu lassen, unter Anlehnung an gute Vorarbeiten (Kroner) eine Uebersetzung festzustellen, bei der Ton und Darstellung auf das kindliche Verständnis Rücksicht nehmen und doch eine edle Sprache reden, die dem Kinde Muster im Ausdruck sein kann und die doch auch sachlich und dem Sinne nach richtig ist. Durch die hierdurch für die Auffassung im allgemeinen bewirkte Erleichterung und Beschleunigung werde auch die Zahl der d^m Schüler leicht zugänglichen Gebete vergrössert. Zu gleichem Zwecke empfehle sich bei manchen Gebetstücken, in denen eine Häufung einzelner Ausdrücke behufs kräftiger Hervorhebung des betr. Begriffes stattfinde, oder, wo der leitende Gedanke in langen Erörterungen ausgesponnen sei, der mit Aufmerksamkeit zu folgen die kindliche Kraft nicht ausreicht, für die erste Aufnahme — Textkürzungen. Bei der wiederholten Behandlung des betreffenden Gebetes habe dann die Aneignung des unveränderten Textes zu erfolgen. Die Bedingungen für eine selbstthätige und eigenwillige Aufnahme von Wissensstoff liege im weitern aber noch in der achtsamen Berücksichtigung der vom Kinde erreichten Stufe thätiger Lebensinteressen. Diese, sich steigend in der Teilnahme für den einzelnen Menschen neben uns (Menschenliebe), für ganze — engere oder weitere — Gemeinschaftskreise: Familie, Glaubensgemeinschaft, Staat (Gemeinsinn) und endlich für die Ideen gött-