Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 34 — Meinung, dass die Juden von Amsterdam schnöde gegen Uriel Akosta und Baruch Spinoza gehandelt haben; sie waren eben allzu gelehrige Schüler der spanischen Heimat, in der die Inquisition blühte; sie hatten dort die Verfolgungswut eingesogen, unter der sie bitter litten. Sie hatten überdies für ihren Glauben soviel erduldet, dass sie ihn selbst bis zur Ungebühr gegen Schwärmer und Zweifler verteidigten. Wir plaidieren nicht für Freisprechung vor dem Forum der Geschichte, aber für ein mildes Urteil. Indess wären die Amsterdamer Juden noch so tief verschuldet, was geht das uns an! Warum sollen wir in unsern „schönsten Rechten gekränkt werden!" Dieser grossartige historische Tiefsinn, der Stöcker als Rächer auferstehen lässt für Uriel Akosta, ist uns nüchtern Weltleuten, die nur Recht wollen, zu tief. Einem sonderbaren Missverständnis begegnen wir auch in dem Sonett „Aug' um Aug', Zahn um Zahn." Wie konnte Herr Teichert im neunzehnten Jahrhundert in den Irrtum alter Zeiten verfallen, zu übersehen, dass in diesem Spruche nur das strikte Recht (nicht das strenge, denn Recht ist weder streng noch mild) zum Worte kommt? Was soll der Richter anfangen mit dem Ausrufe unseres Dichters: ,,Wer lebt, der nie in Sünde fällt und Schuld, und nur Barmherzigkeit wahrt uns das Recht auf Gottes Gnade, Milde und Geduld?" Wer „für Israel" ein stattliches Buch schreibt, der sollte es wissen, dass die Bibel dem Richter den Grundsatz zuruft: Aug' um Aug! Wie Du gethan, so geschieht Dir; sodann aber lehrt sie die Nächstenliebe, die Feindesliebe nicht gerade in dem überschwänglichen Sinne: Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt! sondern dass wir jedem Leidenden helfen sollen. Wir haben um der Wahrheit willen die Momente hervorgehoben, wo wir dem Autor unsere Zustimmung versagen müssen. Nun kann unser Lob um so reicher ausströmen; er hat Herzenstöne für unser Leid, für unser Recht, für unsern Ruhm; er kennt auch unsere Schwächen, und wir sollten ihm unser Ohr leiben, wenn er uns mahnt. Nicht in der Lohe des Zornes, sondern in heissem Mitgefühl mahnt er uns: Zeit ist es, Eurem Götzen zu entsagen, Dem Mammon, dem ihr Treue zugeschworen; Sonst wird euch samt dem Götzen Gott erschlagen. Alles in allem ist das Buch ein Zeugnis, dass, wenn die Unduldsamkeit Baalspropheten findet, die sich für sie opfern, auch die Menschlichkeit in unseren Tagen von begeisterten, feurigen Lippen verkündet wird. C. F. Eine Lücke in der jüdischen Unterrichts- Litteratur. Von Bernh. Traubenberg. (Schluss.) Ich wiederhole es, nicht nur der Geist, sondern auch der Stoff, aus welchem er hervorgeht, soll jüdischen Quellen entspringen. Merkt man es dem Unterricht unserer Lehrer wohl an, dass wir über eine reiche und grosse Litteratur verfügen? — Ich meine hier nicht die grosse Litteratur der Heiligen-Schriften, aus denen vielleicht auch noch nicht genug geschöpft wird, sondern ich denke dabei an die rabbinische Litteratur der talmudischen und die Nachblüten der mittelalterlichen Epoche. Heutzutage ist wirklich ein jüdischer Lehrer, der sich auf diesem Meere zurechtfindet, eine Sehenswürdigkeit; selbst einer besseren Seminarvorbildung wird es nicht gelingen, uns auf dem weiten Ocean des jüdischen Schrifttums heimisch genug zu machen, um nur unterzutauchen und die wertvollen Perlen nach Wunsch und in genügender Menge heraufzufischen. Auch genügt ja das Wissen allein dazu nicht. Dass die blosse Kenntnis der talmudischen Litteratur uns zur pädagogischen Ausbeutung noch nicht geschickt machen würde, das lehren uns die Geistlichen, die trotz ihrer Wissensfülle dem Religionsunterricht nicht immer eine Seite abzugewinnen wissen, die eine tiefere Wirkung auf das Kindesgemüt zu üben imstande ist. Man hat nicht immer alles gegenwärtig, was man weiss, um es zur Hand zu haben zum Unterrichtsgebrauch. Allen kommt auch der aufgespeicherte Wissensschatz nicht so recht zum eigenen Bewusstsein, weil die einzelnen Posten, aus denen er sich zusammensetzt, im Kopfe ungeordnet durcheinander liegen. Die sichtende Thätigkeit allein, ohne gerade neues aufzunehmen, verlangt schon eine gehörige Zeit zur Vorbereitung. Nicht jedes Wissen hat pädagogischen Wert, sondern nur das, welches behufs Weiterreichung und passender Verwendung aus dem Schattenreiche des Dämmerlebens in die Sphäre des lebendigen Bewusstseins gehoben wurde, stets bereit, in den Unterrichtsstoff einzufliessen. Das Richtige muss doch auch am rechten Orte stehen. Und da nicht jeder den Vorrat, den er gesammelt, sich so zurechtlegen kann und zurechtlegt, dass er für die Jugend aufnahmefähig ist, so müssen die zusammengehörigen Gedanken- und Stoffgruppen uns in einem Vorbereitungswerke zusammengefasst und gut präpariert dargeboten werden. Am Wissen mag es uns ja nicht immer fehlen. Aber wie aus dem wirren Durcheinander des im Gehirne aufgestapelten Materials das Verwertbare, das dem behandelten StofFkreise Verwandte aus dem allgemeinen Gewoge herausheben? Ein grosser Teil selbst der fähigen Köpfe ist aus Bequemlichkeit dem anstrengenden Herausholen und Sondern der eigenen schlummernden Gedanken nicht sonderlich hold. Daran wird alles moralische Raisonnieren nichts zu ändern vermögen. Ausserdem pflegt man dem Sichten und Ordnen der innern Schätze, um sich mühelos zurechtzufinden, nicht den Wert beizulegen, um die darauf gewendete geistige Arbeit gerechtfertigt zu finden. Man glaubt weiser zu handeln, wenn man dem alten Bestände neue Goldkörner geistigen Vermögens einverleibt. Endlich ist es auch schon darum nicht jedermanns Sache, aus eigener Tiefe zu schöpfen, weil doch nicht jeder so gar tief unter seinen eigenen Spiegel hinuntertauchen kann. Nicht wenigen, denen es wohl vergönnt wäre, aus eigenen Wassern zu schöpfen, fehlt es aber an jener Unermüdlichkeit,