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Jeschurun · 1896-06-01 · 6 (1.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
6 (1.6.1896)
Date
1896-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Der Dichter, der hier nicht zum ersten Male die Leyer rührt, versteht es, Töne anzuschlagen, die unser Herz tief erregen; ohne gerade ein Meister der Form zu sein, versteht er es doch, die Form zu meistern; und wir glauben es ihm gern, was er von sich selbst kündet, dass ,,ein hohes edles Streben seit frühester Zeit seine Jugend beseelt hat; ein lebhaftes Gefühl für Not und Leid der Menschheit, für alle Übergriffe der Gewalt, für allen Übermut des Unrechts giebt seinen Liedern "Wärme und Kraft; er schöpft auch nicht nur aus der eigenen Seele, sondern hat weite Umschau gehalten unter den Völkern; er kennt ihre Geschichte und ihr geistiges Streben und Schaffen; sein Geist strebt nach dem Lichte, sein Herz nach der Liebe. Wir wollen ibm seine Ideale nicht antasten, auch wenn es nicht immer die unseren sind. Manchmal dünkt uns sein Herz allzu weich und es schmilzt zu rasch, wie Butter in der Sonne. Der Dichter ist Vegetarianer; aber wenn wir zu wählen hätten zwischen den rohen Liebhabern der Jagd, die unsere höchsten Gesellschaftskreise verwildert, und jenen überzarten, fast weibischen Naturen, die jedes Töten eines Tieres verurteilen, so möchten wir den Sentimentalen den Vorzug geben, wir möchten lieber auf all' die Leckerbissen verzichten, zumal die Thatsache, dass unsere Bauern, unsere Arbeiterbevölkerung im wesentlichen ohne Fleischkost auskommt und gedeiht, nicht aus der Welt zu schaffen ist. Unser Dichter bleibt wenigstens nicht, wie so manche unserer Zeitgenossen, bei der Tierliebe stehen und verleugnet die Menschenliebe; seine Liebe irmfasst warmherzig alle beseelten Wesen. Höchst merkwürdig sind viele seiner Aussprüche betreffs der Stellung Israels zu Christus. Zwar weist er diejenigen zurück, die die Schuld der Väter an den späten Geschlechtern ahnden, die uns strafen wollen für den Tod des Nazareners, ja, er giebt sogar dem Gedanken eine sehr schöne Wendung in folgenden; Versen: Doch dürften wirklich wir entgelten lassen Die Kinder das, was ihre Väter thaten, War' Lieben doch gerechter hier als Hassen! Das Volk, das Jesus hat ans Kreuz geschlagen, Gebar ihn auch, und hat in ihn die Saaten Gelegt, die solch schöne Frucht getragen. Aber bei aller Liebe, die der Dichter Israel widmet, scheint er es doch für eine Art Eigensinn, für eine Verstocktheit zu betrachten, wenn wir von der Lehre des Christentums uns fern halten. Der Autor übersieht folgendes: Wer in einer Religion geboren ist, der kann sich die von den Vätern überkommenen Traditionen zurechtlegen, wie er nur mag; wer als reifer Mensch eine Religion annehmen soll, der begeht einen Trug, wenn er die Sätze anders annimmt, als sie ihm angeboten werden, wenn er einen anderen Sinn hineinlegt, als der Geistliche oder die Kirchenbehörde. So zum Spasse oder um unseren Eigensinn durchzusetzen, leiden wir alle die Qualen nicht. Unser Dichter hat noch ein Sonett über Israels Schuld an Jesus, das endet so böse, wie nur irgend ein Eiferer reden könnte, und der Dichter getraut sich hier, im Namen Gottes selbst zu reden: „Ist's unsere Schuld, dass Juden einst geschlagen Ans Kreuz den Märtyrer von Nazareth, So hörte Gott einst einen Rabbi klagen. Da rief er ihm: Ihr büsst für eigne Sünden! Weh jedem, dem mein herrlichster Prophet Der Liebe Glut nicht kann im Herzen zünden." Da hat sich Teichert mit all' seiner überschwänglichen Liebe auf den Standpunkt der Inquisition verirrt. Zuvörderst ist man noch kein Christ im Sinne der herrschenden Kirche, wenn man Christus als den „herrlichsten Propheten" verehrt. Ist Herr Teichert im Katechismus so schlecht bewandert? Und was ist das für ein Gott, der sogleich Weh über diejenigen ruft und tausendjähriges Elend ihnen sendet, die nun einmal, durch ihre Überzeugung und ihr Gewissen geleitet, ihrem alten Glauben nicht abschwören und einen neuen Glauben nicht annehmen können! Betet Herr Teichert diesen Gott an, der es für recht anerkennt, dass Israel lebt, „gehasst, verachtet, krank und todeswund, verfolgt, gehetzt, getreten wie ein Hund?" Der Juden Gott ist es nicht, wir kennen seinen Ratschluss nicht, aber wir wissenr dass er den in Redlichkeit Irrenden nicht verachtet. Ein anderes Mal verkennt der Dichter die Lehre von der Erbsünde und lässt ganz Juda leiden um der Schuld willen, die einst die Gemeinde in Amsterdam wegen Uriel Akosta auf sich geladen hat. „Du hast ihn, Juda. in den Tod getrieben, Den Denker, der beseelt vom Forschungsdrange, Nicht Deiner starren Satzung treu geblieben. Weil frech Du wagst, den Menschengeist zu knechten, Erliegst Du selbst auch dem Gewissenszwange Und wirst gekränkt in Deinen schönsten Rechten." Wir wollen hier den geschichtlichen Bestand noch nicht einmal untersuchen. Wir sind selbst der

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