Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 4 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 _ Eine Lücke in der jüdischen Unterrichts- Litteratur. Von Bernh. Traubenberg. (Fortsetzung.) Wenn nun schon der gewöhnlich objektive Sinn eines der Gelehrten sich dem beeinflussenden Anhauch falscher Lehren nicht immer entziehen kann, wie soll man erst erwarten, dass ein eirfacher Lehrer aus der liebevollen Versenkung in christliche Präparationswerke völlig unberührt hervorgehen sollte? Da ist z. B. der Begriff der Sünde, der nach christlicher Auffassung himmelweit von der unsrigen abweicht. Im Christentum spieltder Glaube als bestimmender Faktor bei der Tugend derart mit, dass diese ohne jenen nicht mehr Tugend, sondern nach dem Kirchenvater Augustin nur noch ein glänzendes Laster ist. Das Gute, aus tiefempfundenem Drange allein des menschlichen Herzens geübt, ist nicht gut. das Wahre, allein aus der gottentstammten Quelle der Vernunft geschöpft, nicht wahr, sofern beide, das Gute und das Wahre, nicht tief und fest im Glauben wurzeln.*) Ich frage nicht, was soll der jüdische Lehrer mit solchen für unsere Begriffe schweren, und wenn er sie sich zu eigen macht, folgenschweren Lehren anfangen? Denn das Lehrbuch ist ja nicht für jüdische Lehrer geschrieben und braucht also unseren Anschauungen keine Rechnung zu tragen. Ist es aber richtig, dass wir es — ich sage nicht benutzen, das wäre nicht schlimm — sondern in Ermangelung jüdischer Hilfswerke benutzen müssen? Das Judentum legt zwar auch unser Schicksal zum Teil in Gottes Hand, aber unser inneres Geschick liegt in unserer eigenen Brust. Hakol bij'de schomajim chuz mijir'as schomajim. ,, Alles mag wohl in der Gewalt Gottes ruhen, nur nicht die Gottesfurcht''. Hier sind auch d er höchsten Allmacht unübersteigliche Schranken gezogen. Keine noch so gewaltige Macht kann ans in unserem sittlichen Wollen beengen, es seien denn die Lüste unseres eigenen Herzens. Der Character, wie er sich in unseren Gesinnungen und Handlungen unaustilgbar ausprägt, ist unser ureigenstes, nicht Gottes Werk. Ohne unser eigenes Kämpfen, ohne unser eigenes Wollen, ohne unser eigenes Ueberwinden giebt es auf dem Gebiete sittlicher Kräfte keinen Fortschritt, kein Vorwärtsschreiten, keinen Sieg. Hier gilt das Erbarmen Gottes nichts und die eigene Stärke alles. Die Auserwählung zu einem innern, zu einem höheren Berufe als ohne unser Verdienst hinstellen, bedeutet eine Zurücksetzung der Nichtauserwählten. Die Auserwählung Israels, die an sich nicht berechtigt wäre, einfach zu einem göttlichen Gnadenakte herabdrücken, wie es oft in christlichen Werken geschieht, heisst nichts anderes, als Gott, der keiner Bestechung und unbegründeten Begünstigung fähig ist, ungerechter Bevorzugung anklagen und Israels Verdienst nebenher vielfältig verkleinern. Doch wozu soll ich noch mehr Belege beibringen? Diese wenigen Proben werden wohl genügen. Fas^ *) Siehe auch: Harms, Katachismuspredigten pag. 31., beiBallien die Urteile über Jakob, Moses u. a.. was hier nicht wiedergegeben werden kann. jedes Vorbereitungswerk enthält soviel der Stellen, die in diese Rubrik gehören, dass es nicht schwer wäre, eine reiche Blumenlese solcher für uns gefährlicher, unverständlicher Auffassungen aus jedem einzelnen dieser Bücher zusammenzustellen. Sie werden aus eigener Erfahrung wissen, dass man sich alles, nur nicht das Richtige für den jüdischen Religionsunterricht aus der christlichen Unterweisungslitteratur holen kann. Wollen Sie aber darum dem jüdischen Lehrer jegliches Mittel pädagogischer Anleitung aus der Hand reissen? Nun, das wäre noch schlimmer. Wie jeder Anfänger bedarf auch er der Stütze und schliesslich werden viele die hervorragendsten Klippen doch zu umgehen wissen und nur über die kleinen Steine stolpern. Ein christliches Anleitungswerk ist immerhin besser, als ganz und gar führerlos dahinschreiten müssen. Oder wollen wir einen jeden auf seine eigene innere Kraft verweisen? Auch sie kann nur hinanklimmen, wenn ihr in einem hervorspringenden Punkte ein Halt dargeboten wird, während sie an der steilen Wand, an der sie sich nicht festzuklammern vermag, nur zu leicht abgleitet. Solcher Anregungen bedarf auch der strebende Geist. Auch die Begabung und die Fähigkeit muss an gegebenes anknüpfen, um auf dem Grunde von bereits vorhandenem weiter zu bauen. Bei uns giebt es aber nichts vorhandenes. Die Ergebnisse, die die religionsunterrichtliche Praxis dem einzelnen liefert, versteinern zur toten Masse, ohne in Umlauf gesetzt und für die mit- und nachwachsende Generation frucht- und nutzbar gemacht zu werden. Aus der lebendigen Saat der pädagogischen Erfahrungen muss auch für andere Leben keimen. Auf jedem Gebiete sucht man durch Mitteilung und Veröffentlichung die von dem einzelnen gewonnenen Erkenntnisse zum Gemeingut aller Berufsangehörigen zu machen, wir dagegen sperren uns gegenseitig aus, wir lassen das Pfund unserer pädagogischen Einsichten nicht wie recht und billig zu Nutz und Frommen unserer Collegen fortwuchern, sondern die von uns geschöpften Erfahrungen verkümmern und gehen mit uns ein. Die litterarische Unfruchtbarkeit lässt erschreckliche Lücken auf dem Gebiete des Religionsunterrichts entstehen. Es ist, als ob jeder die eingeheimsten Erfahrungsschätze argwöhnisch und von giftigem Neide erfüllt für sich bewacht, um sie neugierigen und zudringlichen Blicken zu verbergen. Es ist doch nicht gut anzunehmen, dass wir uns so wenig zu sagen haben, wie die kärgliche litterarische Mitteilsamkeit schliessen lassen könnte. Der Niederschlag einer Jahre und Jahrzehnte langen pädagogischen Wirksamkeit hat sich bisher zu nennenswerten litterarischen Gebilden nicht zu verdichten vermocht, während die religionsunterrichtliche christliche Litteratur alljährlich Hunderte von Werken auf den Büchermarkt wirft, die das Wissenswerteste in guter Bearbeitung unsern christlichen