Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 4 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeschurun. Monatsschrift für Pädagogik, Homiletik und Litterat ur. (Beilage zur Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift.) 5fr. 4. Berlin, 1. Mai. 1896. Inhalt: Poesie und Geist der Messias-Apokalypse. Von Dr. D. Leimdörfer. Eine Lücke in der jüd.Unteirichtslitteratur. Von B. Traubenberg. Aus den Lehrervereinen. (Verein Anhalt ) Poesie und Geist der Messias- Apokalypse. Studie zur Kaddischlitteratur. Von Dr. D. Leimdörfer, Prediger zu Hamburg. Der apokalyptische „Messias-Abschnitt", „Perek Maschiach", im dritten Bande der Jellinek'sehen Midraschimsammmng — Bet-ha-Midrasch — enthält ein Stück reizvoller Poesie, welches nicht nur die Phantasie des Lesers belebt und wohlthuend befruchtet, sondern auch einen Beitrag liefert zur Geschichte, sowie zur Erforschung des innern Gehaltes jenes liturgisch wichtigen Gebetes, über dessen Beziehungen zu den Verstorbenen wir jüngst eine eingehende Abhandlung in dieser Zeitschrift gebracht, nämlich des Kaddisch. Der "Wortlaut dieser Apokalypse ist der folgende: . „Rabbi Elieser ben Jacob sagt: Das Lehrhaus des Almeiligen wird in der zukünftigen "Welt achtzehntausend und fünf Myriaden Parassangen umfassen. Der Allheilige wird daselbst auf dem Thron des Rechtsprechers sitzen und ihm gegenüber König David, von dem gesagt worden: „sein Thron wie die Sonne mir gegenüber". „Alle holdseligen Frauen, welche die Lehrer mit genügendem Lohn besoldet hatten für den ihren Kindern erteilten Unterricht in der Gotteslehre, der geschriebenen und überlieferten (Mikra, Mischna), sie stehen an der aus Röhricht gefertigten Scheidewand, die wie ein Zaun das göttliche Lehrhaus umgiebt, und hören die Stimme Zerubabels ben Sealtiel, welcher vor Gott den göttlichen Vortrag verdolmetscht und erläutert (metargem), wonach sie einstimmen in den Ruf: — „weonim acharow: Jehe schmo hagadol meborach umekudosch leolam uleolme olamim". — „Es sei Sein grosser Name gebenedeiet und geheiligt in der "Welt und in allen "Welten." — Hierauf sagen die Frommen — Zaddikim — Amen; aber auch die Bösewichte in der Hölle — Reschaim begehinnom — fügen, der Huldigung beistimmend, ein Amen hinzu." „Der Allheilige wendet sich nun an die dienstthuenden Engel mit der Frage: "Wer sind diese, die aus der Hölle heraus Amen rufen? — Sie antworten: „"Weltenherr, das sind die Abtrünnigen und Sündigen in Israel — hamordim wehaposchim — welche ungeachtet ihrer namenlosen Schmerzen nicht umhin können, an der Benedeiung Deiner Heiligkeit teilzunehmen." Da spricht Gott zu den Engeln: Bringt sie fort von dannen, holet sie hervor aus der Verdammnis! Es geschieht — und siehe, die wie die Ränder von am Feuerherde stehenden Töpfen geschwärzten Gesichter erheben ihre Stimme und sagen: „Herr der "Welt, gut war Dein Richterspruch, recht unsere Verurteilung, schön, dass Du uns gemacht zum "Wahrzeichen für ganz Israel!" „In dieser Stunde öffnet Gott die Pforten des Paradieses und führt die einstigen Frevler zu den Seligen Israels, wie es heisst: Oeffnet die Pforten, dass da einziehe das gerechte Volk, das da bewahrt die Glaubenstreue!" * * Die Heimat dieser den Duft orientalischer Poesie atmenden Apokalypse ist Persien, das Vaterland der Zendavesta, das Wunderland der Magier, allwo der Quell rauscht, aus dem die Ströme der Mystik geflossen und sich ergossen haben in die Geister und die Schulen Babels und Palästinas. Die Zeit der Abfassung dieses „Messiasabschnittes" ist die gaonäische, in welcher die Exilsfürsten, Würdenträger des persischen Reiches, als Nachkommen des Davidischen Hauses oder Zerubabels allgemeines Ansehen genossen, das Studium des Talmuds den Höhepunkt überschritten und die Kabbala Geister schuf, die den Unendlichen mit endlichem Masse messen zu müssen glaubten, seine Länge von Kopf bis Fuss zu bestimmen (Schiur Koma), als eine der höchsten Weisheiten bezeichneten. Es ist die gaonäische Epoche, in der falsche Messiasse — wie Serene 720 unter den Omejjaden und Abn Isa ans Ispahan 750 unter den Abassiden — ihr Unwesen trieben, und in welcher eine Religionsphilosophie zu Tage gefördert wurde, welche (wie bei Saadja) die Auferstehung der Toten von dem Eintritt der messianischen Zeit abhängig machte. Es ist die vielbewegte Zeit schwärmerischer Pflege des Transcendentalen, der Abfassung geheimnisvoller Midraschim neben manchem liturgisch bedeutsamen Gebete, endlich ein Zeitraum, in dem die Weisen und Lehrer sich bereits weit entfernt von den Idealen der alten Mischnalehrer, die selbst in des Lebens grösster Dürft keinerlei Nutzen zogen von der Thorakunde und deren Verbreitung. (Hier ist die Rede von besoldeten Lehrern der Bibel und Tradition.) (Fortsetzung folgt.) /