Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 3 (3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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dass es gegen eine "Welt von Widersachern das empfangene Sinaigut verteidigte, verteidigte bis zum letzten Blutstropfen, bis zum letzten Atemzuge. Nur um der Thora willen erlitt Israel seit jeher so grosse und unzählige Leiden. Nur um ihretwillen musste es einstmals aus dem heiligen Lande ziehen und im Laufe der Jahrtausende Unsägliches erdulden. Aber dennoch blieb es ihm doch das heilige und geweihte Buch, dem man anhing mit allen Fasern seines Herzens und mit aller Kraft der Seele, das man schätzte und liebte, das man hochhielt und verteidigte, das man nicht hingeben und lassen wollte, mochten des Unglücks finstere Wetterwolken den Lebenshimmel zu verdunkeln drohen, mochte des Glückes Sonne ihre Strahlen leuchten lassen. M. A. Als Gott die Thora offenbaren wollte, so erzählen unsere "Weisen in ihrer Bildersprache, bot er sie den verschiedensten Nationen an, doch alle wiesen sie von sich. Sie hielten sich nicht stark genug, um ihre Lehren und Gebote zu erfüllen, um für ihre Anerkennung kämpfend einzutreten. Auch Jsrael drohte anfangs zu ermatten und in ihrem Dienste zu erliegen, doch die Engel Gottes stiegen herab aus ihrer Höhe und festigten und stärkten es zu ihrem Dienste. Und nicht nur damals am Fusse des bebenden und flammenden Sinai, in allen Zeiten ward gleichsam Jsrael von himmlischen Mächten gefestigt und gestützt, so es die Thora hochhielt, so es treu und unerschüttert stand zu ihrer Fahne. So trug nicht nur Israel die Thora, auch die Thora trug Israel unversehrt durch die Jahrtausende, treu seinem Gotte, treu seinem väterliehen Glauben, und so steht Israel mit seinen Wurzeln in dem Boden grauer Urzeit und seine Wipfel, seine Zweige ragen in die Gegenwart hinein, sich emporrankend an dem Lebensbaum der Thora, der auf des Sinai Höhe einst gepflanzt ward. II. Nachdem wir sahen und erkannten, wie hoch die Väter unsere Thora hielten, wollen wir uns mm bewusst zu werden suchen, was sie uns noch ist. 0, sie ist auch uns die heilige Rolle, die wir ehrfurchtsvoll begrüssen, bei deren Anblick wir voll Achtung uns erheben, vor der wir uns verneigen. Bei deren „Ausheben" aus dem heiligen Schrein wir dem Allmächtigen weihevolle Lieder singen, deren Einheben wir mit unserem Blick verfolgen, und die wir bei ihrem Umzug in dem Gotteshaus begleiten mit einem Blütenstrauss bedeutungsvoller Bibelverse. 0, sie ist auch uns das Buch, das den Mittelpunkt des ganzen Gottesdienstes bildet, dem wir uns nahen mit einem heiligen Segensspruche auf den Lippen, zu dem der Knabe hingeführt wird, so er als vollgiltiges Mitglied in unsere Gemeinschaft aufgenommen, für unsere Religion verpflichtet werden soll, zu dem der Gatte wird gerufen, wenn er einen Herzensbund geschlossen für das Leben, zu dem der junge Vater hin tritt, um mit freudig erregtem, wonnefrohem Herzen dem Ewigen Dank zu bringen für den neuen Lebensspross, mit dem er ihn beglückte, und aus dem der matte Greis mit welken Lippen noch das uralte Bekenntnis unseres Glaubens lispelt, so sich seine Lebenssonne neigt und seine Augen sich zum ewigen Schlummer schliessen. 0 ja, es ist auch uns noch heilig, jenes gottentstammte Buch. Es ist uns heilig, es ist uns wert und teuer als ein Kleinod, übergeben von den Vätern, ererbt von unseren Ahnen, das wir schätzen, pietätvoll und gefühlvoll hochhalten, dem wir eine Ehrenstellung gönnen bei unserem Gottesdienste, dem wir Hochachtung und Wertschätzung entgegenbringen, so oft auch immer wir das Gotteshaus betreten. Aber das ist immer noch nicht die rechte und die wahre Ehrerbietung, die wir unserer Thora entgegenbringen müssen. Das ist noch nicht die richtige Wertschätzung, die Wertschätzung, die sie von uns fordert. Mit hinaus ins Leben müssen wir sie nehmen. Nicht die Rolle, doch die Schrift, eingegraben auf die Tafeln unseres Herzens, ihre Vorschriften unserem Geiste eingeprägt, ihre Gebote von unserer Seele allezeit wahr und treu beherzigt. Denn was will von uns die Thora? Was verlangt sie von dem Sohne Israels? Soll sie nicht vielmehr der Inhalt unseres Lebens als ein blos äusseres Kleinod sein?! — Wahrlich, sie will mehr gelesen und gelobt, als blos äusserlich geachtet werden! Fordert sie doch Liebe zu dem Schöpfer, Liebe zu dem Nebenmenschen und \ erddlung unser selbst. Doch nicht nur allein hier im Got^shause und durch das Gebet sollen wir beweisen, dass ~wir die Liebe Gottes in dem Herzen tragen. 0, es wäre tief beklagenswert, wenn wir selbst im Gotteshause, wenn wir selbst im Zwiegespräch mit Gott nicht einmal 5ip irdischen Gedanken bannen könnten. Wahre Liebe darf man nicht nur fühlen, sondern muss auch durch Thaten sie beweisen. dar>hun durch Befolgung der Gebote Gottes, beweisen durch demütige und freudige Unterordnung unter den Willen Gottes, die nicht aufbläht und überhebt, wenn das Glück sein holdes Lichtgesicht uns zuwendet, die nicht murrt und nicht verzagt und nicht verzweifelt, wenn Gottes Wege unergründlich scheinen und sich seine Gnadensonne hinter düsterem Gewölk verbirgt! Und Liebe zu dem Nebenmenschen! Ach, allzuviel wird dies Wort im Munde heut geführt und allzuwenig wird es durch die That bewiesen, denn dieweil die Menschenliebe zu sehr auf der Zunge wohnt, dringt sie so wenig in die Herzen ein. Aber mögen wir auch noch so bittere Erfahrung in dem Leben machen, mag auch Feindschaft uns entgegentreten, wo wir auf Liebe hofften, mag sie Hass und Zurückweisung uns zeigen, wo wir freundliche Gesinnung hegen, unsere vornehmste und heiligste Pflicht auf Erden muss die Liebe zu dem Menschenbruder bleiben ohne Unterschied des Standes und des Glaubens, ohne Anbetracht der Religion. Glaubet darum nimmer als treue Bekenner des Einig - Einzigen, als wahrhafte Söhne unseres Judentums vor dem erhabenen Weltenkönig dazustehen, wenn Ihr ihm wohl mit Eueren Lippen dienet, doch nicht die Liebe zu dem Menschenbruder heget, wenn