Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 3 (3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Ihr Euch gegenseitig hasset und zu schmälern und zu schädigen suchet, wenn Ihr dem nicht mildthätig und hilfsbereit zur Seite stehet, der wie Ihr im Ebenbilde Gottes ward geschaffen und mit Euch fühlt und denkt und hofft. Denn es giebt keinen anderen Weg zu Gott als die Gottähnlichkeit, und diese bestätigt sich ausschliesslich durch Güte und Gerechtigkeit, durch Geduld und Sanftmut, und durch Liebe gegen alle unsere Nebenmenschen. Und sind von solchem Streben wir beseelt, dann streben wir wahrhaft unserer Bestimmung zu, uns zu veredeln, zu vervollkommnen und dem Schöpfer immer ähnlicher zu werden. Denn nicht zwecklos ist der Mensch zur Erde hingesandt, er soll immer besser, immer edler, liebevoller und vollkommner werden, wie es ihn die Thora lehrt. Fassen wir hierzu heute den heiligen Entschluss, geloben wir dies aus tiefstem Herzensgründe, und wahrlich, dies wäre die schönste und erhabenste Yerherrlichung und Weihe, die wir unserer Thora an gedeihen lassen könnten. Und fürwahr, dies wäre auch die rechte Weihe. Nicht die Thora uns, uns müssen wir der Thora weihen, heute, morgen, alle Tage unseres Erdenwallens, dann wird sie uns zum Lebensbaum, der uns Genuss und Freude, Heil und Segen spendet hienieden und dereinst da droben. Amen. Und Du, Allewiger, Du unseres Lebens Licht und Heil! Lass Dein Auge gnädig ruhen auf allen hier Versammelten, entbiete Deinen Segen allen, die zu Deinem Namen sich bekennen. Segne diese ganze Gottesgemeinde. Segne die Familienhäuser und die Familienglieder. Segne das Alter, segne die Jugend. Segne diese ganze Stadt und alle ihre Bewohner. Lasse Deine Engel Wache halten über ihren Häusern, den Engel des Friedens und der Eintracht, den Engel des Schutzes und der Obhut, den Engel der Duldung und der allgemeinen Menschenliebe, damit in ihren Mauern nicht die Zwietracht wohne, damit von aussen nicht Verderben nahe. Segne auch unser ganzes deutsches Vaterland, segne unseren Landesvater. So sei es Dir wohlgefällig, Herr, in Deiner Gnade. Amen. Notizen. * Talmudische Fragmente aus der Bibliothek der Bodleiana. Die Cambridger Universitätspresse hat sich durch die typographische Ausstattung dieser Publikation (Verlag von C. J. Clay & Sons, London), selbst übertroffen. Die Ausstattung des Werkes ist seines Inhaltes würdig. Diese Fragmente, herausgegeben von Herren S. Sch echter und Rev. S. Singer sind die ältesten datierten Talmudmanuscripte, welche bis heute bekannt wurden. Es war ein glücklicher Gedanke der Herausgeber, dieSeite des Manuskripts, welche das Datum 1123 enthält, in facsimilierter Nachbildung wiederzugeben. Dieses Fragment, welches über 1/3 Verantwortlicher Redakteur: A. Levin in Berlin. des Traktats ״Kerithoth“ enthält, ist besonders deshalb wichtig, weil infolge der Tempelzerstörung und der hierdurch nötig .gewordenen Aufhebung gewisser Zeremonialgesetze die Mischnahordnung״ Kodaschmi“ nur noch im Interesse der Altertumskunde studiert wurde. Daher wurde das Studium dieser ganzen ״Ordnung“ (mit Ausnahme von ״Chulin“ und ״Bechoroth“, welche im praktischen Leben der Juden noch eine hohe Bedeutung haben), in den Schulen sehr vernachlässigt und die Schreibfehler verschiedener Copisten nahmen mit jeder Generation zu. Aus diesem Grunde befindet sich der Text dieser ,,Ordnung“ in einem verwahrlosteren Zustande als der der übrigen Mischnahordnungen, mit deren Untersuchung die Gelehrten sich eingehender beschäftigen. Jedes Manuskript daher, welches Varianten von dem gewöhnlichen Texte enthält, muss aus diesem Grunde für den Talmudgelehrten interessant •und hochwillkommen sein. Es ist nur zu bedauern, dass in dieser Ausgabe ein Varianten-Verzeichnis fehlt. Andere besonders bemerkenswerte Eigentümlichkeiten des vorerwähnten Manuskripts sind in der interessanten Vorrede der Herausgeber angeführt. Diese beziehen sich auf die Grammatik, die Orthographie und den Dialekt. So scheint das M.-S. in vielen seiner charakteristischen Formen mit grosser Treue die bei der Original-Discussion gebrauchte Sprache zu reproducieren und verdient besonders bemerkt zu werden, dass der Genitiv של mit dem folgenden Hauptworteverbundenist,z.B.של חולין—שלחוליץ u s*w• Jm ganzen nähert sich der Dialekt dieses Manuskripts sehr dem des jerusalemischen Talmuds. Ferner folgt die Einteilung der Mischnah und der sie begleitenden Gemarah dem System des jerusal. Talmuds und stellt an der Spitze jedes Kapitels den ganzen Parek der Mischnah. Endlich enthalten mehrere Teile des Manuskripts Spuren von gewissen, mit Accenten versehenen und solchen Wörtern, welche ursprünglich ähnliche Zeichen hatten, die aber jetzt verschwunden sind. Diese Accente dienten jedenfalls dazu, den Lernenden beim Lesen zu unterstützen, da es Brauch war. beim Studium sowohl des mündlichen als des schriftlichen Gesetzes sich einer gewissen lntonation zu bedienen. Das zweite Fragment ist ein kleiner Teil des jerusal. Talmuds, Traktat ״Berachoth“. Handschriften des jerusal. Talmuds sind bekanntlich so selten, dass dieser neue Beitrag von grossem innern Werte ist. Das Fragment ist besonders bemerkenswert wegen seiner abweichenden Lesearten und der beigefügten Accente, welche hier noch häufiger vertreten sind, als in dem M.-S. ,,Kerithoth.“ Die Ausgabe ist dem 81jährigen Lector Herrn J. H. Weiss gewidmet, der auf dem Gebiete der talmudischen Literaturgeschichte so Hervorragendes geleistet hat. Es ist erfreulich, dass die jüd. Gelehrten Englands solch wertvolle kritische Beiträge zur Talmud-Litteratur dem grösseren Gelehrtenkreise zugänglich machen. Druck vou E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit.