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Jeschurun · 1896-03-01 · 3 (3.1896) · p. Seite 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
3 (3.1896)
Date
1896-03-01
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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— 22 — fällige Gesinnung, die in Israels Mitte immer blühten und nach Ausdruck strebten, sie Hessen es jeglichem als gottgefälliges Werk erscheinen, jene Satzung zu befolgen, und so galt die Weihe einer Thora für die Gottesverehrung und den Gottesdienst stets als eine verdienstliche gottgefällige That, die in Israels Mitte heitere Freude, frohe Feststimmung hervorrief. Und wahrlich, mit vollem Rechte pries man eine solche Gabe an das Heiligtum und war stets von Freude sie begleitet. War sie doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass im Herzen Israels noch die Begeisterung nicht erloschen war, die einst unsere Ahnen kundgaben an des Horebs Höhe, als ihnen jene Himmelsgabe übergeben wurde, legte sie doch heilige Bürgschaft dafür ab, dass auch in Zukunft Israel treu zu der Fahne stehen würde, die es geführet durch die weiten Gänge der Jahrtausende. Denn warum weiht man eine Thora? Warum spendet man solch eine Gabe an das Heiligtum? Etwa, damit sie eine Zierde dieses Schreines, ein Schmuck der heiligen Lade sei? 0, dann wäre diese Spende nur von halbem Werte, dann wäre unsere Freude eine falsche Freude, eine Freude ohne veredelnden Einfluss auf uns und unsere Gesinnung. Denn braucht etwa Gott zu seiner Verherrlichung und Ehre einer solchen Gabe? Bedarf er des Schmuckes seiner Wohnung, der Zierde einer Stätte, die seiner Anbetung und Verehrung geweiht ist? — Nein, unserer Erhebung, unserer Weihe, unserer Heiligung soll die Thora dienen, und nur zu diesem Zwecke werde sie geweiht. Denn sollte darum einst im alten Israel sich der König eine Thora schreiben lassen, damit sie als Schmuck seines Palastes, als Zierde seines Prunkgemaches gelte? Nein, sondern, wie es in der Schrift heisst: ,,damit er ehrfürchten lerne seinen Gott, zu beobachten die Worte dieser Thora und diese Satzungen zu vollführen‘'. Und nicht anders kann und darf bei uns es sein. Auch wir sollen durch die Thora, durch die Gotteslehre lernen, Gott zu ehrfürchten, seine Worte zu beobachten, seine Satzungen zu befolgen. Denn gerade darum lesen wir an jedem Sabbat aus diesem heiligen Buche vor. Wir wollen stets aufs neue die Gebote Gottes kennen lernen, stets aufs neue uns des Beistandes und der Zusage erfreuen, die Gott unsern Vätern angedeihen liess, um auch uns heranzubilden zu treuen Gliedern unseres Glaubensbundes, zu hilfsbereiten Brüdern aller unserer Nebenmenschen. — Wir wollen nachahmen unseren Vätern, die Jahrtausende hindurch die Lehre Gottes als ein kostbares, unveräusserHches Gut bewahrten, nicht nur in ihren Gotteshäusern und in den heiligen Laden, sondern auch in ihrer eignen Brust, sie eingruben auf die Tafeln ihres Herzens, unverlöschbar, nimmer schwindend. So lasset uns denn in dieser Feierstunde zu betrachten suchen, was unseren Vätern stets die Thora war, um hierdurch zu erkennen, was sie uns sein und werden soll. 1. M. A. Was die Thora unseren Vätern war, wollen wir kennen zu lernen suchen. Doch was war sie ihnen nicht? — War sie nicht ihr Ein und Alles? War sie nicht ihr Lebensglück und ihre Daseinsfreude? — Hatte das Leben irgend welchen Wert für sie ohne das Gotteswort?! Ja, war ihnen nur ein Leben denkbar, das sich nicht auf’s engste anschloss an die Gotteslehre, das nicht ganz durchdrungen war von unserm heiligen Glauben?! Fürwahr, das ganze Leben unserer Väter war umgeben und umhegt von unserer Thora?! Mit ihr ward das Kind in’s Leben eingeführt, mit ihr schloss der welke Greis die müden Augen zu dem ewigen Schlummer. An ihre Bahnen ward gewöhnt der׳ Knabe, mit ihren Lehren ausgestattet wuchs heran der Jüngling, baute sich ein Haus der Mann, waltete die Gattin, schaltete die Mutter, denn auf ihrem ehernen Grunde erhob sich das Familienheim, auf ihr gründete sich der festgefügte Bau des Gemeindelebens. Ja, die Thora war das Feld, auf dem das Leben unserer Vorfahren sprosste und blühte, sie war der Zaun, der sie schützend stets umgab. ״ ע** היי□ היאDie Thora ist ein Lebensbaum׳', sagt der Spruchdichter zum Lobe des heiligen Gottesbucb.es. — Und wie ein schattiger Baum unter seinem Laubdach in der heissen Sonnenglut erquickende Ruhestätte bietet, wie er mit seinen Früchten Herz und Seele labt, so bot die Thora unseren Vätern Schatten, Ruhe und Erholung auf der Lebensreise, wenn heisser Glutwind ihre Stirn umtoste, so labten ihre Worte, ihre Lehren Herz und Seele, erleuchteten den Geist, veredelten das Gemüt und läuterten die Empfindung. Mit der Thora erhöhte sich die Freude, ward verklärt die heitere und frohe Stimmung. Die heisse Zähre floss ruhiger und linder aus dem umflorten Auge. In der Thräne spiegelte sich der Himmel wieder, und der Kummer ward erleichtert und gehoben durch den Aufblick zu dem Hort da droben. Da konnte sich nicht das Herz verhärten vor dem armen Menschenbruder. Da konnte nicht der Stolz sich blähen, Hochmut und Ueberhebung triumphierend ausschauen, denn die Thora lehrte ja Bescheidenheit und Demut, sie forderte Mildthätigkeit und Sanftmut und rief eindringlich mahnend jeglichem die Worte zu: ,,Du sollst lieben Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen, Du sollst lieben Deinen Nebenmenschen wie Dich selbst." 0, wollt ihr völlig wissen, was die .Thora Israel gewesen? — Schlaget auf die Blätter der Geschichte, leset es nach in dem grossen Buche, wo die Entwickelung und Entfaltung der Nationen ist verzeichnet, da steht es geschrieben unauslöschbar, unverwischbar. Da wird uns erzählt, dass sie Gut und Blut und Leben hingaben, wenn es galt, die Thora hochzuhalten. Da ist es aufgezeichnet und allen Geschlechtern als ewiges Zeugnis hingestellt, hingestellt zum Ansporn und zur Nacheiferung, dass Israel um der Thora willen einen Kampf aufnahm, wie er grösser und schwerer nicht gekämpft ward, solange die Erde um die Sonne kreist,

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