Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1896-03-01 · 3 (3.1896) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
3 (3.1896)
Date
1896-03-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9607695-9607705-9597447--24-9597451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

>t BBBWBBHOBBBHHHI — 20 Sie können und sollen nicht zween so verschieden gearteten Herren dienen. Wir wollen freilich nicht zuweilen allen erfrischenden Duft verschmähen, den auch diese Blüten der Pädagogik ausstreuen. Die allgemeine Methodik, wie viele Werke sie zeichnen, lässt sich mit vielem Nutzsn auch von den jüdischen Lehrern lesen; die Anleitung im Unterrichtsgang und in der Unterrichts weise wird auch uns manchen Dienst erweisen und ebendso das Beispiel künstlerischen Aufbaues des herbeigeschafften Stoffes. Denn solche aus den allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Seele abgeleiteten Grundsätze unterliegen keiner confessionellen Dogmatik, die Psyche ist ein Besitztum der Species homo sapiens ohne irgend welche Ausnahme, und so nimmt die psychische Entwickelung gar keine Rücksicht auf irgend welche confessionellen Sonderanschauungen. Aber nie und nimmer können wir dieselben Ziegel und denselben Mörtel bei diesem Aufbau verwenden. Wir können von dem Ueberflusse, in dem unsere christlichen Collegen schwimmen, auch gar zuviel gebrauchen. Der Pentateuch und die zehn Gebote, die Psalmen wie die Propheten sind von christlichen Schulmännern fleissig und sorgfältig bearbeitet worden. Ueberall wird aber das Unterrichtsbauwerk in seinen Fugen mit christlichem Baumaterial ausgefüllt. Eins muss das andere stützen und festigen. Der Sinn bleibt nicht der alttestamentliche, wenn's der Tendenz, überall spezifisch Christliches herauszuwittern, eben nicht passt. Neutestamentliche Stellen werden fortwährend in die Behandlung des Alten Testaments hineingewoben. Behufs Durchtränkung mit christlichem Geiste werden Propheten und Psalmen mit christlichen Chorälen und christlichen Sprüchen bunt durchwirkt. Wo die entfernteste Möglichkeit es nur zulässt, werden für ein gewöhnliches Auge ganz indifferente Stellen als eine Vorherverkündigung und Vorverherrlichung des Christentums mit überra schendem Geschicke gedeutet und ausgelegt. Fast alle Propheten, die grossen wie die kleinen, die späteren wie die früheren, Abraham und Moses, der herrliche Schwung jesajanischer Beredsamkeit wie Hesekiels traumverlorene Visionen, sie alle müssen vor den Triumphwagen des siegreichen Christentums. Nun, das ist unserer ' christlichen Collegen gutes Recht und wir können ihnen ob all der dabei bekundeten Gewandtheit den Zoll bewundernder Anerkennving nicht versagen. Wie aber sollen die jüdischen Lehrer nach solcher Anleitung sich und ihre Schüler leiten? Vielleicht wird mancher leichten Mutes sagen: Solche Dinge stören mich nicht; die spezifisch christlichen Stellen sind nicht für mich da, die lass ich ruhig stehen und nehme im übrigen, was zu nehmen ist. Aber selbst zugegeben, wir nehmen, auch nicht unbewusst und unbeabsichtigt, was christlich ist, in uns auf, so weist der Musterbau nach Weglassung des dem jüdischen Geiste Fremdartigen doch zu weite Lücken auf, um noch vorbildlich für unseren Unterricht zu sein. Gerade die Gliederung, die Entwickelung, die naturgemässe Verknüpfung verwandter Gedanken ist hier von grösstem Werte. Dem jüdischen Lehrer, der die belebenden Sprüche und Choräle, die Erzählungen von Märtyrern und Ausbreitern des Christentums selbstverständlich weglässt, bleibt nur noch ein dürrer und magerer Notbehelf, der gerade des Elementes beraubt ist, das am nachdrücklichsten auf das Kindesgemüt einwirkt. Aber was ich hypothetisch angenommen, kann ich im Ernst doch nicht zugeben. Wer sich nur aus christlichen Unterweisungen vorbereitet, ist nicht vor zufälliger Aufnahme fremder Geistes- und Glaubenskeime genug geschützt. Solch geistiger Immunität könnte sich nur ein mit eigenen Gedanken operierender Mensch rühmen; des Lehrers Arbeit ist aber wesentlich reproduktiver Art, er verarbeitet ein ihm fertig gegebenes, ihm von der Wissenschaft anvertrautes Wissensgut. Ein junger Mann, der gewohnt ist, dass ihm das Lehrmaterial in vollkommener Zurüstung dargeboten wird, wird die an manchen Stellen dünnen Grenzlinien religiöser Anschauung, fürchte ich sehr, nicht streng genug auseinanderhalten und sie mit seinen Augen verschlungen sehen, wo sie ein ungetrübtes Auge recht weit auseinanderlaufen sieht. Bei dem Mangel an Unterscheidungsschärfe, die den meisten Menschen anhaftet und sie zu unzutreffenden Urteilen verleitet, ist es keine die Lehrer besonders belastende Befürchtung, der ich mich nicht erwehren kann, dass sie manches nicht uns Gehörige sich unwissentlich aneignen und es dann als eine unserem Boden entsprossene Pflanze betrachten. Die Reinheit unserer Lehrer geht uns über alles und gerade sie kommt dabei ins Spiel. Haben doch selbst unsere Vorväter, die ihr pädagogisches Rüstzeug keineswegs nichtjüdischen Waffenkammern entlehnten, ja vielmehr peinlich darauf bedacht waren, alles, was ausserhalb ihrer Grenzpfähle lag, mit einer Art von trotziger Entschiedenheit von sich fern zu halten, in diesem Punkte manche Sünde auf ihr Gewissen geladen. Gedanken fliessen oft bei ihrer losen und verrückbaren Natur leicht ineinander — was das Dichter wort von dem Nahebeieinanderwohnen der Ideen, die sich nicht hart im Räume stossen, uns zu bezeugen weiss. Solche Imponderabilien können den jüdischen Religionsunterricht wohl beeinflussen und ihn zuweilen unjüdisch färben. Einige der Grundanschauungen beider Religionen laufen in gar zu divergierenden Richtungen, als dass eine Vorbereitung nach nur christlichen Lehrbüchern, auf die wir angewiesen sind, weil nicht jeder zu den jüdischen Quellen hinuntersteigen kann, nicht Besorgnis für die unbedingte Reinerhaltung unserer religiösen Wahrheiten hervorrufen sollte. Die Vergangenheit kann uns manches beängstigende. Beispiel liefern. Das Judentum hat manche unjüdische Beimischung, die das Mittelalter ihm zugesetzt hat, wieder abzustossen. Selbst das mittelalterliche Joch, unter das es gebeugt war, hat nicht verhindern können, von der Umgebung der Unterdrücker Bestandteile aufzusaugen, die schon bei oberflächlicher Betrachtung mit der Lehre Moses und der Propheten unvereinbar sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.