Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 3 (3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 - Juden in "Westeuropa vor allem bedeutend entnationalisiert sind und dann die verschwindende Minderzahl bilden gegen die Juden in Osteuropa, Asien und Afrika. Ferner idealisiert Renan oft na ch der Rankeschen Manier, indem er geschichtlichen Entwickelungen höhere Motive beilegt. Im allgemeinen überschätzt man ja oft das geistige Leben und dessen Bedeutung in der Geschichte, auch wenn es sich um neue Ereignisse handelt. Nun denke man sich den Orient mit seinen Gewohnheiten; man denke sich den alttestamentarischen Juden mit seiner blumenreichen Sprache, wo jeder Ausspruch wiederholt und mit verschiedenen Worten ausgedrückt werden kann. Da kann man nicht ohne weiteres sagen: der Verfasser dieser oder jener Schrift habe so oder so gedacht, denn der Orientale spricht selten, wie er denkt, und dann lässt seine Sprache so viele Zweideutigkeiten zu. dass man nur bei gründlicher Kenntnis des Idioms wissen kann, was jene Verfasser gewollt haben. Betrachten wir die Parteikämpfe des jüdischen Volkes, die seinen Untergang wohl nicht hervorgerufen, aber doch gewiss beschleunigt haben. Wir besitzen ausser den ersten christlichen Schriftstellern, die bedeutend später schrieben und die Ereignisse nur vom Hörensagen kannten, zwei klassische Zeugen, den jüdisch-griechischen Philosophen Philon und den jüdischen Historiker Josephus. Aber man thut gut, bei beiden sehr vorsichtig zu sein, um ihnen nicht alles auf's Wort zu glauben. Philon war gewiss eine sympathische Erscheinung, aber man muss bedenken, dass er vor allem des Hebräischen nicht mächtig war, dass er nicht in Palästina, inmitten des officiellen Judentums, gelebt hat und, was die Hauptsache ist, dass er als Apologet gegen die heidnische Welt aufgetreten ist. Dass er das meiste phantastisch und wiükürlich behandelt, sehen wir doch evident an seiner Interpretierung des mosaischen Gesetzes, — und wer bürgt uns dafür, dass er mit den Schilderungen des Parteilebens, namenthch bei der Verherrlichung der Essäer. nicht eben so verfahren ist? Die talmudische Litteratur ist meistenteils von Abneigung gegen diese Sekte erfüllt, gegen die das ofncielle Judentum nur Verachtung und Missbehagen empfand. Nun wollen wir diese einseitigen Aussagen, die eigentsich nur den Gedankengang der herrschenden Pharisäerpartei repräsentieren, nicht als unanfechtbar hinstellen. Aber dass diese „frommen Narren", wie der Talmud die Essäer nennt, den Grundstock der Nation ausmachten, scheint denn doch unwahrscheinlich. Philon hat eben die palästinischen Verhältnisse nicht gut gekannt und auch zuviel idealisiert. Renan hat ja, selbst sehr schön herausgefunden, dass die Pharisäer eine Volkspartei waren, — gewiss mit Recht; es ist nun aber ebenso gewiss unwahrscheinlich, dass eine Partei, die auf religiöser Volkstümlichkeit gebaut war, eine solche Verachtung hegen würde gegen Leute, die überzeugte Schwärmer waren. Denn dies war schliesslich der einzige Unterschied zwischen den Pharisäern und Essäern, dass diese ihre religiösen Extravaganzen aus Ueberzeugung ausübten, während jene als eine politische Partei Rücksicht nehmen mussten und sozusagen Opportunisten waren. Eben so wenig dürfen wir Josephus trauen, der wohl in Palästina gelebt, dort sogar eine einflussreiche Stellung eingenommen hat — er war bekanntlich Kommandant der Galiläa-Armee im letzten Aufstande und spielte da die Rolle eines Dumouriez — und die Verhältnisse genau kannte, aber Renan hat es ja selbst anerkannt, dass Josephus die Verhältnisse so schilderte, wie sie der heidnischen Welt zugänglich sein konnten, so dass er aus den politischen Parteien philosophische Richtungen machte. Beide ofncielle Quellen also müssen durch die jüdischen, die in der talmudischen wie in der agadischen Litteratur zerstreut sind, korrigiert werden. Im übrigen verdient hervorgehoben zu werden, dass der Talmud weder von Josephus noch von Philon etwas weiss. Es ist nicht erwiesen — was oft behauptet wurde —, dass man Josephus sein zweideutiges Verhalten während des letzten jüdischen Aufstandes nicht verzeihen wollte* haben doch die gelehrten Männer Jerusalems dieselbe PoHtik wie er verfolgt. Aber man hatte nach dem traurigen Ausgange des Vespasianischen Krieges einen Widerwillen gegen alles Nichtjüdische, d. h. Nichtbibhsche, so dass man selbst von dieser glänzenden Erscheinung des alten Judentums, von Philon. keine Notiz mehr nahm. Auch herrschte schon damals eine gereizte Stimmung gegen die Neuchristen, die gegen Ende des ersten christlichen Jahrhunderts bereits den Anregungen des Apostels Paulus Folge gaben und das nationale Judentum nicht mehr verteidigen wollten. Weder im Vespasianischen nöch im Hadrianischen Kriege haben die Neuchristen am nationalen Kampfe teilgenommen, wofür die Aufständischen, die für kurze Zeit reüssierten, auch Rache nahmen. So versteht man am besten die schauerbchen Schilderungen der Johanneischen. Apokalypse. In gewissem Sinne dehnte man die Antipathie auch auf Philon aus, bei dem man christliche Anklänge finden kann. Renan hat die Pharisäer in gewissem Sinne ganz zutreffend eine „bourgeoisie religieuse'' genannt, und diejenigen, welche sonst die Vorgänge nicht kennen, werden nun die Sache von diesem Standpunkte aus betrachten. Und doch wird man fehlgehen, wenn man heutige Zustände und Verhältnisse auf jene Zeit anwenden wird. Ich glaube, dass es zuerst Geiger war, der in seiner ,,Urschrift" die Kämpfe der Sadduzäer und Pharisäer einzig und allein auf den politischen Antagonismus zwischen Aristokratie und Bürgertum zurückzuführen versucht hat. Diese Annahme ist gewiss geistreich und hat viel für sich. Aber es muss in Betracht gezogen werden, dass die Pharisäer keineswegs die fanatisch-religiöse Partei gewesen sind, für die man sie hält. In vielfacher Beziehung haben sie gegen den klaren Wortlaut der Bibel, auch Erleichterungen durchgesetzt. Dass aber die Pharisäer einen politischen Hass gegen die früher so national gesinnte Dynastie der Hasmonäer empfanden, ist wahr und wird ausser durch die beiden genannten Schriftsteller auch durch unzählige Bemerkungen der talmudischagadischen Litteratur bezeugt. Die Pharisäer, die innerhalb des Judentums die Sieger waren, haben sich